Evangelische Kirche Bruchköbel - Neu! (M. Abraham)
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Apk 21,1-7: NEU!

Ewigkeitssonntag, 20.XI.2016                                                             Bruchköbel

 

Wochenspruch:

„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen“ (Lk 12,35).

 

Lieder: Ausgang und Eingang (EG 175); Wachet auf, ruft uns die Stimme (147);
Jesus, meine Zuversicht (526,1.2.6.7); Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt (154,1-5)

 

Psalm 126 (750); Schriftlesung: 2Petr 3,8-13

 

Liebe Gemeinde,

67 Menschen aus unserer Gemeinde sind seit dem vergangenen Ewigkeitssonntag verstorben. 67 Kerzen brennen hier vorne, um an sie zu erinnern. Vielleicht haben Sie sich gemerkt, welche Kerze angezündet wurde, als der Name ihres Verstorbenen genannt worden ist. Vielleicht haben Sie dabei gedacht: Das ist sein oder ihr Lebenslicht. Auf vielen Gräbern leuchten in dieser dunklen Jahreszeit die Kerzen als Zeichen der Erinnerung.

Wir haben auch gehört, wie unterschiedlich diese verstorbenen Menschen waren. Die älteste über hundert Jahre alt. Die jüngste ein Kind, das am Tag seiner Geburt starb. Es waren viele dabei, die sich Jahrzehnte über ihren Ruhestand freuen konnten, die gemeinsam mit ihrem Ehepartner alt wurden. Aber auch Menschen, die aus der Mitte des Lebens herausgerissen wurden. Ihre Familien vermissen sie besonders schmerzlich. So unterschiedliche Lebensläufe, Altersstufen und Schicksale. Was vereint Sie als Angehörige heute in diesem Gottesdienst am Ewigkeitssonntag? Gibt es etwas, das Sie und das wir alle gemeinsam haben?

Ich denke, was wir als Menschen alle gemeinsam haben, ist das Leiden. Die Trauer. Der Schmerz. Letztlich der Tod. Es trifft nicht jeden zur gleichen Zeit. Aber irgendwann trifft es jeden. Wir alle, auch die, die nicht unmittelbar um einen Angehörigen trauern, wir alle sind hier zusammen als Sterbliche. Wir alle werden einmal beerdigt werden. Auch um uns werden Menschen trauern. Leid und Schmerz, das ist es, was alle Menschen gemeinsam haben. Herbert Grönemeyer singt zwar: „Der Mensch ist Mensch, weil er liebt, weil er vergibt.“ Aber ich bin mir nicht so sicher, ob das wirklich für jeden gilt. Ich kenne Menschen, wo ich keine Liebe sehe, keine Vergebung. Was aber jeden Menschen früher oder später ganz sicher einmal betrifft, das ist das Leid. Die Tränen. Der Schmerz.

Es gibt kein menschliches Leben ohne Leid. Das war schon immer so. Seit tausenden und zehntausenden von Jahren. Individuell variieren die Schicksale, aber es bleibt immer das gleiche Grundthema: Leid und Tod. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, so steht es schon in der Bibel, im Buch Prediger aus der Spätzeit des Alten Testaments. Alles was war, kommt wieder, sagt der Prediger, nur in leicht veränderter Form. Und jeder von uns muss einmal gehen. Nichts Neues unter der Sonne.

Nichts Neues? Doch. Auf den letzten Seiten der Bibel, im Buch der Offenbarung, Kapitel 21, gibt es etwas radikal Neues. Da beschreibt der Seher Johannes folgende Vision:

1          Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.

            Denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen,

            und das Meer ist nicht mehr vorhanden.

2          Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,

            von Gott aus dem Himmel herabkommen,

            vorbereitet wie Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

3          Und ich hörte eine mächtige Stimme vom Thron her rufen:

            „Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen!

            Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein,

            und er selbst, Gott, wird als ihr Gott bei ihnen sein.

4          Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen

            und der Tod wird nicht mehr sein,

            weder Trauer noch Schreien noch Schmerz wird mehr sein,

            denn das Erste ist vergangen.“

5          Und es sprach der, der auf dem Thron saß: „Siehe, ich mache alles neu!“

            Und er sprach: „Schreibe, denn diese Worte sind zuverlässig und wahrhaftig.“

6          Und er sagte zu mir: „Es ist geschehen.

            Ich bin das Alpha und das Omega, der Ursprung und das Ziel.

            Ich werde dem Durstigen umsonst zu trinken geben aus der Quelle des Lebenswassers.

7          Wer [in diesem Kampf] siegt, der wird dies alles erben,

            und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.“

 

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen. – Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem. – Und es sprach der, der auf dem Thron saß: ‚Siehe, ich mache alles neu!‘“

Viermal „neu“: der Himmel; die Erde; die Stadt Gottes bei seinen Menschen; alles neu. Das ist die große Vision am Ende des Bibelbuchs, das prallvoll ist mit menschlichem Leben und auch mit menschlichem Leiden. Wenn das in so gewichtiger Form gesagt ist wie hier, als Rede vom Thron des allmächtigen Gottes her, dann ist das mehr als nur ein flottes Sprichwort „Alles neu macht der Mai.“ Es ist auch etwas ganz anderes als die Trostversuche, die man in Trauersituationen manchmal so zu hören kriegt. Ach komm, denk nicht mehr so viel an ihn oder sie, schau nach vorne. Du kannst doch dein Leben neu gestalten. Vielleicht haben Ihnen Menschen im vergangenen Jahr auch solche Sätze gesagt. Gut gemeint, aber ich weiß nicht, ob Sie sich damit auch gut verstanden gefühlt haben. Alles neu? Ja, wie denn? Woher soll die Kraft kommen? Und was kann denn wirklich neu werden? Bleibt vieles in unserem Leben nicht eine Neuauflage des Alten, selbst in einer veränderten Situation? Wir bleiben doch dieselben, wir können nicht aus unserer Haut.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, das stimmt nach wie vor. Aber – was wäre, wenn auch diese Sonne vergeht? Wenn eine neue Sonne scheinen wird, nämlich Gott selbst bei seinen Menschen? Dann wird das Neue da sein. Und was ist, wenn die Politik dieser alten Welt vergeht, weil die neue Stadt Gottes kommt, die neue Polis, wie es im biblischen Urtext heißt? Also ein neues Zusammenleben, eine neue Politik? Wie wird es dann sein, wie kann man sich das vorstellen – obwohl man es sich eben eigentlich nicht vorstellen kann?

Genau darüber habe ich vorgestern mit den Konfirmanden gesprochen, über den Tod und über das, was danach kommt. Ihr habt „Jenseitskisten“ gebastelt, Schuhkartons, in denen ihr symbolisch versucht habt auszudrücken, worauf ihr hofft. Vieles von diesen Hoffnungen und auch Ängsten kann man nur schwer in Worte fassen. In Bildern dagegen lässt sich manches leichter sagen, in Visionen, so wie es auch der Seher Johannes hier in Offenbarung, Kapitel 21 tut.

Was ist denn daran nun so neu? Und was habe ich davon? Ist das nur Träumerei, oder kann die Kraft dieses Neuen tatsächlich für mich gelten, auch für mich hier in meinem jetzigen Leben, das eben noch nicht im Himmel angekommen ist? Was genau ist dieses Neue?

 

Neu ist erstens, dass Gott regieren wird. Und zwar so, dass es alle sehen werden. So, dass die Mächte dieser Welt nicht mehr das letzte Wort haben.

            Er selbst, Gott, wird als ihr Gott bei ihnen sein.

4          Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen

            und der Tod wird nicht mehr sein,

            weder Trauer noch Schreien noch Schmerz wird mehr sein,

            denn das Erste ist vergangen.

Nach welchem Muster läuft es denn in dieser Welt, in der wir leben? Ich habe dazu ein Interview gelesen mit Michael Dobbs. Michael Dobbs ist Brite, war zur Zeit des Watergate-Skandals Journalist in den USA und wurde dann später einer der engsten Berater von Margaret Thatcher. Michael Dobbs hat Wahlkämpfe gewonnen und verloren, hat Interessen durchgesetzt, er hat Menschen eingestellt und gefeuert, hat Freundschaften kommen und gehen sehen. Und: Er hat aus seinen Erfahrungen ein Buch gemacht, das inzwischen erfolgreich verfilmt ist, ein Buch über die dunklen Seiten des Politikbetriebs. „House of Cards“ heißt es, das Kartenhaus. Dobbs sagt darüber und über seine eigene Lebenserfahrung: „Politik funktioniert nach sehr einfachen Prinzipien: Wenn du nicht machst, was ich will, bekommst du nicht, was du willst. Das kann man Erpressung nennen. Oder Politik.“ Er beschreibt die Faszination der Macht – wie verführerisch es sein kann, Menschen seinen Willen aufzuzwingen. Aber auch wie schwer man von dieser Droge wieder loskommt. Über die letzten Jahre von Margaret Thatcher sagt er: „Sie hatte  in ihrem Leben nichts anderes als die Politik, absolut nichts. Als es damit vorbei war, zerbröselte sie regelrecht. Das war grausam mitanzusehen.“

Ja, so funktioniert unsere Welt. Menschen üben Macht aus. Mächte kämpfen miteinander, im Kleinen wie im Großen, in der Familie und Nachbarschaft wie in der Weltpolitik. Das ist nichts Neues. Das ist das Leben, wie wir es kennen. Es wirkt wie ein ewiges zynisches Spiel, wie eine Achterbahn, in der man immer nur kurz oben sein kann. Wer die Macht verliert, verliert dann oft auch sich selbst – seinen Sinn, sein Ziel im Leben. Wer nicht mehr groß aktiv sein, wird im Alter oft trübsinnig – auch das haben manche von Ihnen mit Ihren Angehörigen erfahren müssen. Die Frage nach dem Sinn läuft oft ins Leere. Ein ewiger Kampf, so scheint es, ohne einen wirklichen Sieg. Und Gott?

Es gibt einen Tag, sagt Johannes, da wird all das anders sein. Es ist der Tag, an dem Gott den Vorhang zur Seite ziehen wird. Offenbarung. Enthüllung. Das Meer der Weltgeschichte, des Chaos und des Krieges wird es dann nicht mehr geben. Gott wird sichtbar werden als der eigentliche Herrscher. Verborgen war er schon jetzt da in dem Auf und Ab unseres Lebens, unserer Geschichte. Aber am Ende wird es so sein, dass alle ihn erkennen – auch diejenigen, die nicht mit ihm gerechnet haben. Auch die, die gegen ihn gelebt haben. Und das wird für manche ein Schock sein. Dann wird Gott allein die Macht haben, und alle menschlichen und irdischen Mächte werden vergehen. Das ist das erste Neue.

 

Was ist noch neu in diesen biblischen Worten? Absolut neu gegenüber dem, wie wir es aus der Erfahrung kennen? Neu ist, wie Gott regiert.

4          Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen.

Von welchem menschlichen Machthaber hätte man das je sagen können? Gott, der Schöpfer und Vollender der Welt, tritt nicht auf wie eine Dampfwalze, die alles plattmacht. Nicht wie ein General, der am jüngsten Tag die Höllenhunde seiner Atomwaffen von der Kette lässt. Sondern Gott ist hier wie eine Mutter, wie eine Erzieherin oder Lehrerin, wie ein guter großer Bruder oder ein feinfühliger Vater: Er wischt die Tränen ab.

In unserer Welt funktioniert Herrschaft anders. Noch einmal „House of Cards“. Da sagt die Hauptfigur, der Präsidentschaftskandidat Francis Underwood, ihm gehe es nicht darum, dass die Menschen ihn achten. Die Parole seines Handelns ist eine andere. Zitat: „Nicht Achtung ist es, sondern Angst, die einen Menschen antreibt; so entstehen Weltreiche“. „Primitive Angst ist berauschend, überwältigend, befreiend. Und immer stärker als Achtung. Immer.“ Mit anderen Worten: Menschliche Herrscher wollen gefürchtet werden. In der freundlichen Variante heißt es: respektiert. Aber dabei bleibt es oft nicht. Angst ist eine sehr starke Emotion. Im Kampf um die Macht versuchen viele, diesen Hebel einzusetzen. Menschen werden von Angst getrieben und versuchen gerade deshalb, anderen Angst zu machen – so läuft es doch bei uns. Das Leiden und die Tränen werden dadurch nicht weniger.

„Ich will euch trösten, spricht Gott, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist die Jahreslosung für dieses Jahr 216. So viele Tränen Sie und wir alle in diesem Jahr geweint haben – Gott übersieht sie nicht. Er wischt sie ab. In der Luther-Übersetzung heißt es: „Er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Im Urtext steht es sogar noch genauer: jede Träne. Jede einzelne noch so kleine Träne trocknet der große Gott behutsam ab. Paul Gerhardt, der selber in seiner Familie viel Leid erfahren musste, der mehrere seiner Kinder und dann auch noch seine Frau zu Grabe tragen musste, Paul Gerhardt dichtet in dem Lied „Ich singe dir mit Herz und Mund“: „Du zählst, wie oft ein Christe wein / und was sein Kummer sein; / kein Zähr- und Tränlein ist so klein, / du hebst und legst es bei“ (EG 324,11). Der Allmächtige trocknet die Tränen ab. Das ist ein komplett neuer Stil zu herrschen. Das ist wirklich eine neue Welt.

 

Und drittens und letztens: Neu ist, dass wir heute schon wissen dürfen, dass wir auf diese Welt zugehen. Dass dies eben nicht nur ein schöner Traum ist, sondern das wirkliche und wahrhaftige Ziel. Unser Leben hat dieses Ziel, oder, genauer gesagt: Es kann dieses Ziel haben. Wenn wir das wissen, uns daran festhalten, dann wird das auch etwas für unser Leben hier und jetzt bedeuten. Wir gehen auf ein Ziel zu. Nicht auf den Tod, sondern auf ein Ziel. Das ist der alles entscheidende Unterschied.

Wie sieht unsere Welt aus, wenn man diese Perspektive nicht hat? Ein letztes Mal lasse ich den Politikveteran Dobbs zu Wort kommen. Er sieht überhaupt kein Ziel vor Augen, und er meint auch nicht, dass sonst jemand eines hat. „Sehen Sie jemanden“, fragt er den Interviewer“, „der eine Roadmap hat? Den möchte ich sofort kennenlernen. Es gibt gewaltige Probleme, ich sage nur: Währungspolitik, Nahostkrise, Afrikakrise. Hat irgendjemand einen wirklichen Plan, wie es weitergehen soll? Nehmen wir Aleppo. Wer kann den Kindern dort sagen, wir haben eine Lösung? Oder der Klimawandel.“ „Weil die Welt kompliziert geworden ist und jeder sich vor langfristigen Plänen scheut, ist ein neuer Politikertypus entstanden, der Kurzzeitpolitiker. Es werden nur noch kurzfristige Entscheidungen getroffen, all versuchen, den besonders tiefen Schlaglöchern auszuweichen. Alle schielen auf schnelle Schlagzeilen, und das wird noch beschleunigt von der Wirkung der Social-Media-Kanäle.“ Wenn ich mir die Nachrichten und die Weltlage ansehe, muss ich diese Analyse bestätigen. Es gibt keine gerade Linie, keine große Idee mehr, keine Überzeugungen, die ganze Völker zusammenhalten. Die Gesellschaften zerfallen in kleine und immer kleinere Inseln, und die Politik fährt auf Sicht. Das Gefühl der Unsicherheit nimmt zu, ein klares Ziel scheint es weniger zu geben denn je.

Und trotzdem gilt: Christen können geradeaus gehen, gerade auch in persönlichen Krisen und in solchen schwierigen Zeiten. Christen können auch ohne Sicht geradeaus gehen, so wie mit einem Kompass im Sandsturm. Denn: Für uns steht das Ende schon fest. Wir dürfen wissen, trotz aller Zweifel und all unserer Schwachheit: Für den, der auf diesen Gott zugeht, wird es ein gutes Ende sein.

Woher wir das wissen? Weil wir hier in diesen Worten seine Stimme hören. „Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss.“ Und der, der hinter all diesem steht, kennt schon das Ende. Weil er den Ursprung kennt, ja weil er selber der Ursprung ist. „Ich bin das Alpha und das Omega“, das A und das Z, würden wir heute sagen. Hier im Kirchenfenster sind diese beiden Buchstaben dargestellt. Ich bin der Erste und der Letzte, sagt Jesus Christus, und weil das jetzt schon fest steht, kann das Chaos zwischendurch so groß sein wie es will. Wir gehen nicht auf den Tod zu, sondern auf ihn.

Noch sind wir nicht da, der Kampf in dieser alten Welt läuft noch. „Wer siegt, der wird erben, was Gott ihm verspricht“ – das heißt eben, dass wir noch nicht da sind. Es muss noch eine große Spannung ausgehalten werden. Aber: Wir haben allen Grund zur Hoffnung. Der Ursprung und das Ziel, Alpha und Omega stehen fest. Bei ihm, der alles in den Händen hat, sind wir geachtet, jetzt schon. Er macht mit unserem Leben den großen neuen Anfang. Und das macht uns Mut, auch in diesem Leben schon nach kleinen und großen Neuanfängen zu suchen. Die große Hoffnung scheint schon in diese alte Welt hinein. „Siehe“, sagt Gott, „ich mache alles neu.“

Amen.

 








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