Evangelische Kirche Bruchköbel - Hauptsache, gesund?
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Joh 4,46-54: Hauptsache, gesund?


22.I.2017, 3. n. Epiphanias                                                                 Bruchköbel
 
Wochenspruch: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lk 13,29)
 
Lieder: O komm, du Geist der Wahrheit (136,1); Laudate omnes gentes (181.6); Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all (EG 293); Ich trau auf dich, o Herr (N 27); Ausgang und Eingang (175)
 
Psalm 100 (740); Schriftlesung: Röm 1,14-17
 
Liebe Gemeinde,
„Hauptsache, gesund.“ Haben Sie diesen Wunsch an Geburtstagen auch schon mal bekommen? Oder haben Sie es anderen gewünscht? „Hauptsache Gesundheit, das ist das Wichtigste.“ Das ist nicht immer eine Floskel. Wer schon einmal gespürt hat, wie die Lebenskräfte ihn verlassen, wer schon einmal dauerhaft unter Schmerzen gelitten hat oder sogar unter einer Behinderung, der meint das ganz ernst und von Herzen: Hauptsache, gesund. Ohne Gesundheit ist es sehr schwer, sich des Lebens zu freuen. Früher oder später werden wir alle einmal diese Erfahrung machen, auch diejenigen von uns, die jetzt jung und fit sind.
„Hauptsache, gesund“ – vielleicht haben Sie auch schon mal so gebetet. Falls Sie beten. Was laut Umfragen sehr viele Menschen tun, vor allem in Notsituationen. Haben Sie sich auch schon einmal Gesundheit von Gott gewünscht? Und – haben Sie sie bekommen? Wenn ja: wie schön für Sie! Da haben Sie sich sicher gefreut, und ich freue mich mit Ihnen. Aber was ist, wenn nein? Wie sind Sie damit umgegangen, wenn Gott Ihr Gebet nicht erhört hat? Oder nicht so, wie Sie es gerne gewollt haben?
Wir hören für heute Verse aus dem Johannesevangelium, Kapitel 4. Jesus begegnet einem Mann, der eine dringende Bitte an ihn hat. Er ist ein hochrangiger Staatsdiener, und seine Bitte ist wohl begründet. Aber schauen Sie einmal, wie Jesus gleich reagiert. Johannes 4, ab Vers 46:

46       Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, 
           wo er aus Wasser Wein gemacht hatte.
           Und es gab einen königlichen Beamten in Kafarnaum,
           dessen Sohn war schwerkrank.
47       Als er hörte, dass Jesus aus Judäa wieder nach Galiläa gekommen war, 
           kam der Mann zu ihm.
           Er bat Jesus, mit ihm zu kommen und seinen Sohn zu heilen,
           denn er drohte zu sterben.
48       Da sagte Jesus zu ihm:
           „Wenn ihr keine Zeichen und Wunder seht, dann glaubt ihr nicht!“
 
Da kommt dieser Mann zu Jesus gelaufen. 26 Kilometer sind es von Kapernaum nach Kana. 26 Kilometer zu Fuß! Was muss dieser Mann schon alles versucht haben für sein Kind, bevor er so eine Mühe auf sich nimmt! Aber nichts hat bisher geholfen. Das Fieber steigt und steigt, der Junge ist schon kaum mehr ansprechbar. Die Eltern geraten in Panik. Da hören sie von Jesus, der gerade anfängt, als Wunderheiler bekannt zu werden. Ob da wirklich was dran ist?
Keine Zeit für Zweifel. Jesus ist die letzte Hoffnung dieses Mannes. Er läuft die 26 Kilometer für sein Kind. Dann erreicht er diesen Mann, auf den er alle seine Hoffnung setzt, und bittet ihn inständig um Hilfe. „Ich weiß, Herr, dass du ihn heilen kannst! Tu es doch bitte für mein Kind! Ich habe solch eine Angst, dass er stirbt. Es wäre viel zu früh für ihn! Er ist doch noch jung.“
Jesus hört sich das an. Er denkt kurz nach. Und dann antwortet er. Aber leider nicht so, wie es sich der Mann erhofft hat. Und wohl auch nicht so, wie wir alle es gedacht hätten. Denn Jesus lehnt die Anfrage rundweg ab. „Wenn ihr keine Zeichen und Wunder seht, dann glaubt ihr nicht.“ Warum sagt er das? Warum stößt er diesen verzweifelten Mann so vor den Kopf? Und wenn er schon keine Lust hatte, ihm zu helfen, warum tut er es dann nicht wenigstens aus taktischen Gründen? Wenn er einem Mann aus dem Umfeld des Königs einen Gefallen täte, dann könnte ihm das später ja einmal ganz nützlich sein. Warum hilft Jesus nicht?
Die Evangelien beschreiben, dass täglich Menschen zu Jesus kamen, die Hilfe brauchten. Sie bettelten ihn an, ja sie bedrängten ihn. Es waren vielleicht manchmal Bilder wie jetzt an den Grenzen Europas, wo viele Hilfesuchende sich drängen, sich schubsen und Schlange stehen. Ja doch, vielen Menschen hat Jesus damals geholfen. Aber was geschah danach? Meist waren sie dann schnell wieder weg. Sie waren wieder gesund geworden, sie freuten sich ihres Lebens und fertig. Als Jesus einmal zehn Leprakranke heilte, hatten neun davon ihn gleich danach wieder vergessen. Offensichtlich hat Jesus den Verdacht, dass auch dieser Mann so eine Bitte stellt. Jesus, erfülle meinen Wunsch, dann glaube ich auch an dich. Vielleicht. Oft ist es ja wirklich so: Hauptsache gesund, das kommt meist zuerst und das bleibt häufig das einzige in unserer Beziehung zu Gott. Und wenn er dann nein sagt? Wenn meine Bitte um Gesundheit nicht erhört wird?
Was hätte ich gemacht, was hätten Sie gemacht, wenn Jesus uns so abweisen würde? Ich stelle mir ja manchmal vor, er würde heute leben, hier in Bruchköbel, und wir könnten uns mit ihm unterhalten. Wie man hier sieht, macht es die Sache mit dem Glauben nicht unbedingt leichter. Was wäre, wenn Jesus mich so abweisen würde, live und in der Öffentlichkeit? Vermutlich wäre ich beleidigt, innerlich tief verletzt. Vielleicht würde ich mich umdrehen, würde mich in meinen Schmerz verbeißen und Gott verfluchen. Würde alle Hoffnung für mein Kind verlieren. Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, gleich noch einmal zu fragen. Aber dieser Mann hier handelt anders. Hören wir weiter:
47b Der Mann bat Jesus, mit ihm zu kommen und seinen Sohn zu heilen,
 denn er drohte zu sterben.
48 Da sagte Jesus zu ihm:
 „Wenn ihr keine Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht.“
49 Der königliche Beamte antwortete:
 „Herr, komm mit, bevor mein Kind stirbt!“
50 Jesus sagte ihm:
 „Geh hin, dein Sohn lebt.“
 Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus ihm gesagt hatte, und ging hin.
Dieser Mann bittet also einfach noch einmal. Mit fast den gleichen Worten. Er hält an seinem Anliegen fest. Und damit an seinem Glauben. Er will sein Kind retten, und dazu verlässt er sich voll und ganz auf Jesus. Obwohl er abgelehnt wird, gibt er sein Vertrauen nicht auf. Und darin zeigt sich wahrer Glaube. Glaube nicht nur als Hoffnung auf einen Vorteil. Sondern Glaube als volles Vertrauen. „Jesus, ich weiß, dass du mächtig bist! Ich weiß, dass du helfen kannst, auch wenn ich dich nicht verstehe. Jesus, ich lasse dich nicht los!“
Jesus sieht diesen Glauben. Und er versteht, was den Mann antreibt. Das ist mehr als nur „Hauptsache, gesund!“ Jesus sieht, wie dieser Mann sich zu ihm ausstreckt, ganz und gar.
Also antwortet er wieder. Und diesmal positiv. Aber – auch jetzt noch erfüllt Jesus den Wunsch nicht ganz so, wie er geäußert wurde. „Komm mit mir!“, hatte der Mann gebeten, was ja auch logisch ist. Der Arzt muss den Patienten doch sehen, bevor er etwas tun kann. Aber Jesus sagt einfach nur: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Mehr nicht. Aber das reicht dem Mann. Keine weiteren Rückfragen. Er verlässt sich voll auf Jesus und macht sich wieder auf den Rückweg. 26 Kilometer zu Fuß. Das dauert mindestens einen Tag. Zwischendurch muss er irgendwo übernachten. Der Mann hat kein Handy. Er weiß nicht, was ihn zu Hause erwartet. Aber er vertraut darauf, dass Jesus es richtig machen wird.
Ich lese den Schluss dieser Erzählung ab Vers 51:
51 Als er unterwegs war, kamen ihm seine Diener entgegen und sagten:
 „Dein Sohn lebt!“
52 Da fragte er sie, in welcher Stunde es besser mit ihm geworden war.
 Sie antworteten ihm: „Gestern um die siebte Stunde verließ ihn das Fieber.“
53 Da wusste der Vater, dass es um diese Zeit gewesen war, als Jesus ihm gesagt hatte:
 „Dein Sohn lebt.“
 Und er glaubte gemeinsam mit allen, die in seinem Haus lebten.
54 Dies ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er von Judäa nach Galiläa kam.
Tatsächlich – das Wunder ist geschehen. Die Bestätigung kommt so bald, wie es unter den damaligen Bedingungen möglich ist. Die Diener des Mannes sind von zu Hause aufgebrochen und laufen ihm entgegen. „Herr, dein Sohn lebt! Es geht ihm besser!“ „Seit wann?“, fragt der Mann atemlos. Die Diener überlegen kurz. „Gestern mittag um 13 Uhr hörte das Fieber plötzlich auf, er konnte wieder aufstehen. Die Krankheit hat keine Macht mehr!“ Gestern um 13 Uhr, denkt der Mann, das war die Zeit, als ich mit Jesus redete. Er läuft nach Hause, er freut sich unbändig, er schließt seinen Sohn in die Arme. Und schickt vermutlich ein Dankgebet nach oben.
Happy End also. Und jetzt? War’s das gewesen? Nein, da steht noch ein Satz. Kurz, aber entscheidend: „Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.“ Mit seiner ganzen Familie, mit all seinen Dienern heißt das. Sie haken die Krankheit nicht einfach ab und machen weiter wie vorher. Nein, sie ändern ihr Leben. Sie halten sich an Jesus, von nun an und für immer. Es wird von Grund auf alles anders. Darauf weist die Sprache des Johannesevangeliums hin. Da heißt es nicht: Und er wurde geheilt. Sondern: Er lebt. Ganz grundlegend und umfassend. Entsprechend heißt es auch nicht: Und sie lobten Gott, sie machten eine Spende, sie traten der Jesusbewegung bei oder sonst etwas in der Art. Sondern: Und sie glaubten. Ganz grundlegend und umfassend. Der Glaube und das Leben, das hat diese Familie von da an bestimmt und geprägt.
„Hauptsache gesund“, das reichte ihnen nicht. Sie hatten erlebt, dass es um mehr geht im Leben als um einen fitten Körper. Ihr innerer Mensch wurde gesund, sie bekamen Hoffnung und Zuversicht, weil sie mit Gott in Verbindung gekommen waren. Obwohl Jesus zunächst unverständlich reagiert hatte, obwohl Gott ihnen zunächst die kalte Schulter gezeigt hatte, blieben sie dran und hielten an ihrem Glauben fest.
Wie ist das bei uns? Wir ahnen es ja eigentlich alle: „Hauptsache, gesund“, das reicht nicht. Natürlich wünsche ich Ihnen allen Gesundheit und mir und meiner Familie auch. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir doch: Das ist nicht immer zu haben. Gesundheit gibt es mal mehr und mal weniger. Gott sei Dank haben wir heute gute Ärzte und gute Pflegerinnen, vieles ist medizinisch besser geworden als früher. Aber trotzdem: Keiner von uns wird immer gesund sein. Einmal wird es mit der Gesundheit zu Ende gehen und auch mit unserem Leben.
Gut, wenn ich dann nicht nur sagen kann „Hauptsache, gesund!“ Sondern: „Hauptsache, Gottvertrauen!“ Frieden mit Gott und mit den Menschen. Habe ich das? Lassen Sie mich mal ganz zugespitzt fragen: Könnte ich heute Nacht gehen, wenn Gott entscheidet, dass meine Zeit auf dieser Erde zu Ende ist? Könnte ich alles loslassen und ihm so vertrauen wie dieser Mann? So bedingungslos? Jesus lädt uns ein, mit ihm zu leben und mit ihm auch einmal zu sterben. Wenn wir so leben, dann haben wir Hoffnung. Dann wiß: Ich bin nicht allein. Ich werde nicht verloren sein. Der Glaube an ihn hält mich fest, und ich werde in ein neues, echtes Leben hineingehen. Ob mein Leben auf dieser Erde kurz oder lang sein wird, ob mit Glück gesegnet oder im Schatten vieler Krankheiten, ob ich Zweifel und Umwege erlebe oder nicht: Der Glaube ist das Entscheidende. Er ist meine Nabelschnur, meine Rettungsleine, die mich mit Gott verbindet. In ihm habe ich das ganze, das wahre und umfassende Leben. Jetzt schon hier und dann einmal in Ewigkeit. 
Amen.
 








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