Evangelische Kirche Bruchköbel - Die Niedriglöhner und der König
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Musikalischer Gottesdienst

Lk 2,8-20 i.A.: Die Niedriglöhner und der König

 

4. Advent, 18.XII.2016                                                        _____                     Bruchköbel

 

Wochenspruch: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ (Philipper 4,4f).

 

Lieder: Er ist die rechte Freudensonn (EG 2); Das Licht einer Kerze (N 6); Gott, heilger Schöpfer aller Stern (EG 3,1.6); Wie soll ich dich empfangen (EG 11,1.6); Ehre sei Gott in der Höhe (EG 26); Tragt in die Welt nun ein Licht (Kindergottesdienst-Kinder); Laudate, omnes gentes (EG 181.6); Inmitten der Nacht; Kommet, ihr Hirten (EG 48); Zu Bethlehem geboren (EG 32); Fröhliche Weihnacht überall; Go, tell it on the mountains

 

Psalm 102 (EG 741); Schriftlesung: Philipper 4,4-7

 

Liebe Gemeinde,

Herr Berndt hat für heute eine Reihe von Hirtenliedern ausgesucht. „Inmitten der Nacht, als Hirten erwacht“, haben wir eben gesungen. „Da hörte man klingen und Gloria singen…“ Die Hirten passen immer ganz schön in die Weihnachtsgeschichte und auch in die Weihnachtskrippen hinein, die bei vielen von uns zu Hause aufgebaut sind. Sie bilden so ein wenig den rustikalen Gegenpol zu den himmlischen Heerscharen. Die Engel sind weiß, überirdisch, strahlend, sie werden bei den Krippenspielen meistens von Mädchen verkörpert und wirken manchmal fast zu gut für diese Welt. Die Hirten dagegen tragen Stiefel, grobe Jacken und Filzhüte, sie sorgen in den Krippenspielen manchmal auch für den ein oder anderen derben Spruch oder unfreiwillige Lacher. Meistens wirken sie aber auch eher niedlich, wie sie so mit einem Lämmchen auf dem Arm oder einem Stock in der Hand daher kommen.

Aber wer waren die Hirten wirklich? Und was haben sie für eine Bedeutung in der Weihnachtsgeschichte?

 

Im Lukasevangelium, Kapitel 2, hören wir:

8         Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden,

           die hüteten des Nachts ihre Herde.

9         Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie;

           und sie fürchteten sich sehr.

10       Und der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht!

           Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11       denn euch ist heute der Heiland geboren […].“

13       Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen,

           die lobten Gott und sprachen:

14       „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden

           bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

15       Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren,

           sprachen die Hirten untereinander:

           „Lasst uns nun gehen nach Betlehem und die Geschichte sehen,

           die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“

16       Und sie kamen eilends und fanden beide, Maria und Josef,

           dazu das Kind in der Krippe liegen.

17       Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus,

           das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18       Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das,

           was ihnen die Hirten gesagt hatten.

20       Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott

           für alles, was sie gehört und gesehen hatten,

           wie denn zu ihnen gesagt war.

 

Lied: Ihr Hirten, erwacht

 

„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ Das klingt nach Lagerfeuerromantik und Camping. Da sitzen sie um ihr Feuerchen herum, unterhalten sich und warten nur darauf, dass gleich die Engel kommen. Denn wir hören diese bekannten Worte ja schon immer vom Happy End her. Wir wissen, dass gleich das große Licht angeht.

Aber für die Hirten war das erst einmal anders. Vermutlich war ihr Leben nicht so angenehm und romantisch, wie wir es uns oft vorstellen. Es waren höchstwahrscheinlich auch nicht ihre eigenen Hirten, auf die sie in der kalten Nacht aufpassen mussten. Denn Hirten waren die Niedriglöhner der damaligen Zeit. Es waren ungelernte Arbeiter, die für ein paar Tage oder Wochen angemietet wurden, um auf die Herden der reicheren Leute aufzupassen. Schnell konnten sie wieder entlassen werden und mussten dann zusehen, wie sie weiterkamen. Wenn ein Schaf gestohlen wurde oder zu Schaden kam, mussten sie es ersetzen. So ähnlich kennen wir das ja auch heute noch von Arbeitsverhältnissen am Rande der Legalität oder auch jenseits dessen: volles Risiko, aber wenig Gewinn. Wer am unteren Ende der Skala steht, kann die Bedingungen nicht selber setzen, sondern muss das nehmen, was ihm angeboten wird.

Wer so ein Leben führen muss, wird oft hart und gefühllos. Er schaut auf seinen eigenen Vorteil, um durchzukommen. Wer immer draußen lebt und wenig Geld hat, sieht oft auch nicht sehr angenehm aus. Er riecht ein wenig streng und hat nicht die besten Manieren. Mit einem Wort: Mit Hirten wollten die meisten Leute nicht viel zu tun haben. Sie sollten ihre Aufgabe erledigen, und gut ist.

Ich denke, uns kommen schnell Menschen in den Sinn, mit denen es uns selber ähnlich geht. Der Mann, der mir in der Fußgängerzone den Pappbecher hinhält und bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es ihm wirklich schlecht geht oder ob er nur so tut. Die Frau mit dem Kopftuch, die mir mit zwei auswendig gelernten Sätzen die Kopie eines rumänischen Passes unter die Nase hält. Das ausländische Kind in der Kita, dem dauernd die Nase läuft und das oft mit anderen körperlich aneinander gerät, weil es sich in Deutsch halt schlecht ausdrücken kann. Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, durchaus nicht immer unverschuldet. Menschen, mit denen es nicht leicht ist, freundlich und gerecht umzugehen. Menschen, die vom Leben so hart angefasst wurden, dass sie selber auch nicht immer sympathisch sind. Aber: Menschen eben. Menschen wie du und ich.

Gott sind diese Menschen wertvoll. Deswegen hat er damals seine schönsten und prächtigsten Engel nicht in den Jerusalemer Tempel geschickt, nicht zu den anständigen Bürgern und nicht zu denen, die sich in der Bibel besonders gut auskannten. Sondern eben zu den Hirten.

 

Lied: Grüß euch Gott, Hirtenleut (Solo)

 

„Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren […].“ Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Die beste und schönste Botschaft der Welt kommt zuerst zu dreckigen, abgerissenen und auch moralisch nicht ganz astreinen Typen. Das, was Gott seiner ganzen Menschheit zu sagen an, fängt bei Leuten aus dem Hartz-IV-Milieu an. Seine Engel kommen an den Rand eines kleinen Ortes, auf den Arbeitsplatz dieser Feld-, Wald- und Wiesenburschen. Ich stelle mir vor, dass sie eigentlich durch nichts mehr besonders zu beeindrucken gewesen waren – zuviel hatten sie schon erlebt. Ich stelle sie mir eher derb und wortkarg vor. Aber jetzt, nachdem sie diese himmlische Lightshow erlebt haben, da sind sie völlig außer sich. Da werden sie neugierig wie kleine Kinder, rennen los wie Jugendliche, „und sie kamen eilends und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.“

Und schließlich, das finde ich besonders bemerkenswert: „Als sie das Kind aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Diese wortkargen Typen, die es gewohnt waren, stundenlang schweigend herumzusitzen, die vielleicht am Tag manchmal nur zehn Sätze sagten und acht davon noch in der Kneipe, diese Kerle, die oft keine Familie hatten und niemanden, mit dem sie richtig reden konnten -–die werfen alle Zurückhaltung über Bord. Die werden redselig wie eine Gruppe Frauen beim Kaffeeklatsch. Aber es ist kein Smalltalk und kein Geschwätz, was sie reden, sondern die größte Erkenntnis aller Zeiten. Etwas, das keinem Philosophen und Theologen, keinem Künstler, keinem Pfarrer und keinem Papst von selber eingefallen wäre: Dass Gott persönlich zu seinen Menschen kommt. Dass das ganz Große und Hohe sich ins ganz Kleine und Niedrige verkleidet. Das Kind in der Krippe verbindet die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland, die Niedriglöhner und die Gebildeten. Es verbindet bis heute Menschen in aller Welt. Denn dieses Kind ist die Hoffnung selbst.

Und mit den Hirten hat das alles angefangen. Gott sei Dank, dass sie damals nicht den Mund gehalten haben! Und wir sollten es heute auch nicht tun. Denn was Weihnachten wirklich ist, das will immer wieder neu entdeckt werden.

Amen.

 

 
 








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