Evangelische Kirche Bruchköbel - Alles absolut relativ?
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Alles absolut relativ?

26.III.2017, Laetare (abends)                                                                                 Bruchköbel

 

Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12,24)

 

Lieder mit der Jugendband: Mit allem, was ich bin; Who am I?; Mighty to save; Lighthouse; Our God is Greater; Blessed be your Name; Du bist mein Zufluchtsort.

 

Psalm 36

 

Schriftlesung: Johannes 18,33-38

Pilatus rief Jesus und fragte ihn: „Bist du der König der Juden?“

Jesus fragte zurück: „Sagst du das von dir aus,

oder haben dir das andere über mich gesagt?“

Pilatus entgegnete: „Bin ich ein Jude?

Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir übergeben.

Was hast du getan?“

Jesus antwortete: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Wäre mein Reich von dieser Welt, dann würden meine Diener darum kämpfen,

dass ich den Juden nicht übergeben würde.

Nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.“

Da fragte ihn Pilatus: „So bist du also doch ein König?

Jesus antwortete: „Du sagst es: Ich bin ein König.

Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen,

dass ich die Wahrheit bezeugen soll.

Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“

Da sprach Pilatus zu ihm: „Was ist Wahrheit?“

 

Liebe Gemeinde,

tja, was ist Wahrheit? Ich wäre gerne dabei gewesen, als Pilatus diese Frage stellte. In welchem Ton hat er das getan? Offen und ehrlich interessiert, weil er wirklich nach Wahrheit sucht? Oder eher zynisch-resigniert, nach dem Motto „Wahrheit – was ist das schon?“ Geht es hier überhaupt noch um Wahrheit und Inhalte? Oder ist die Passion Jesu nicht schon längst eine reine Frage der Macht geworden – ein tödliches Spiel zwischen Machthaber und Verurteiltem?

„Was ist Wahrheit“, ist das eine echte, offene Frage für uns? Oder halten wir es auch eher für eine Machtfrage? Nach dem Motto „Wer das Sagen hat, der bestimmt, was als wahr gilt“? Viele meinen, dass die Politik so läuft – und auch die Meinungsmache in den neuen Medien. Wer die meisten Tweets und Posts absetzt, kann die Wahrheit bestimmen, und sei es mit Hilfe automatisierter Äußerungen. So viele Fakten, mehr oder weniger echt, so viele Sichtweisen, so viele Daten. Hat die Wahrheit da überhaupt noch eine Chance?

Und wir brauchen dazu nicht nur auf das Internet und soziale Medien zu schauen. Haben nicht die letzten zwei, drei Generationen in Deutschland mehrmals erlebt, wie sich scheinbare Wahrheiten als Lüge oder als Selbsttäuschung entpuppten? Die Menschen, die heute alt sind, wuchsen in einer völlig anderen Welt auf. Da sang man „Deutschland, Deutschland über alles“, und das hatte für jeden zu gelten, der nach 1933 in Deutschland lebte. Eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen hat nichts anderes zu hören gekriegt und kannte erst einmal nur diese Wahrheit – bis, ja bis das Jahr 1945 kam und der Krieg aufhörte. Auf einmal waren Amerikaner und Briten und Franzosen da, die bisher immer als Feinde gegolten hatten. Und siehe da, das waren auch Menschen! Die brachten eine andere Sicht der Welt mit – und die alte Wahrheit galt nicht mehr.

Kurze Zeit später dann wurde im östlichen Teil Deutschlands gesungen: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht!“ Auch da gab es nur eine offizielle Wahrheit, und sie galt faktisch für viele, über vier Jahrzehnte hinweg. Selbst, wer die kommunistische Parteilinie für unwahr hielt, beugte sich doch meist vor der Macht – bis, ja bis das Jahr 1989 kam und die Mauer fiel. Für viele, die im Sozialismus groß geworden waren, verschob sich das Koordinatensystem total. Neue Werte, andere Realitäten, die gesamte Lebenssituation änderte sich. Was ist Wahrheit?

Ein letztes Beispiel, noch keine zehn Jahre her. Lange Zeit hatte in der Wirtschaftswelt der Glaubenssatz gegolten, der Immobilienmarkt sei sicher und stabil. Warum? Einfach, weil er das in den Jahrzehnten davor immer gewesen war. Und diese Wahrheit wurde fortgeschrieben – bis, ja bis das Jahr 2008 kam und einflussreiche Banken reihenweise pleite gingen. Das, was als bombensicheres Fundament gegolten hatte, platzte wie eine Seifenblase. Milliardenwerte wurden vernichtet, Pensionen und finanzielle Sicherheiten lösten sich in Nichts auf. Das unsichere Lebensgefühl vieler Menschen heute, was Politik und Ethik angeht, hat seine Wurzeln auch in diesem ökonomischen Desaster.

Es haben sich so viele angebliche Wahrheiten als nicht tragfähig erwiesen oder aber als regional und zeitlich begrenzt, dass eine Menge unserer Mitmenschen inzwischen das Konzept von Wahrheit ganz und gar über Bord werfen wollen. Absolute Relativität. Ich frage mich und Sie und Euch: Wie ist das bei uns? Geht das, konsequent so zu leben, ohne zu wissen, wo oben und unten ist? Sicher, ohne Toleranz geht in unserer vielfältigen Gesellschaft nichts. Ich kann nicht davon ausgehen, dass alle Menschen die gleiche Sichtweise haben, und ich sollte auch nicht wünschen, dass sie in allem meine eigene Sichtweise annehmen. Wer so denkt, denkt ideologisch, da wird die Wahrheitsfrage wieder zu einer Machtfrage. Dann geht es wieder nur darum, wer den anderen seinen Stempel aufdrückt. Nein, ohne Toleranz geht es nicht. Aber hat sie Grenzen? Für wen gilt sie und wo vielleicht nicht mehr? Braucht der Mensch vielleicht doch etwas Festes, an das er oder sie sich halten kann? Aber gibt es dieses Feste und Objektive dann auch wirklich? Oder ist es nur noch eine Sehnsucht danach, die wir verspüren, die aber nicht gestillt werden kann?

Wenn ich so durch die Welt laufe und gucke, sehe ich immer mehr Menschen, die sich selber als Wahrheitszentrum zu wählen scheinen. Sichtbarer Ausdruck davon ist das Selfie. Handy hoch, mit dem Rücken zu einer schönen Landschaft oder einer Sehenswürdigkeit stellen und abdrücken. Hauptsache, ich bin im Vordergrund. Und man kann das ja auch verstehen. Wer will denn in einer so komplexen Welt wie unserer noch permanent diskutieren? Sich immer wieder mit neuen Informationen und Positionen auseinander setzen? Da scheint es doch einfacher und sicherer, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Wenn sonst schon nichts mehr sicher ist, was die Fakten und Meinungen angeht, dann ist es doch wenigstens ein Fakt, dass ich mich selber sehe und spüre – oder? Ich fotografiere, also bin ich.

Ins Nachdenken gekommen bin ich spätestens, als ich hörte, wie viele Unfälle inzwischen durch Selfies passiert sind. Darunter auch tödliche. Es gab Menschen, die beim Versuch, sich selbst zu fotografieren, rückwärts eine Treppe hinuntergestürzt sind und sich das Genick gebrochen haben. Und noch einiges mehr an Fehlschlägen und Katastrophen. Das Ich als fester Anker seiner selbst? Auch das ist offenbar nur eine sehr relative Sichtweise.

 

1. Korinther 10,12: Darum, wer meint, dass er steht, mag zusehen, dass er nicht falle.

 

Mein eigener Fixstern kann ich nicht sein. Mein Ich, meine Leistung, mein Erfolg, all das ist sehr wackelig. Ich müsste den Punkt, an dem ich mich aufhänge, immer selber tragen und halten. Baron von Münchhausen, der konnte das – sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Aber Sie und ich? Wohl eher nicht.

 

Gibt es überhaupt noch irgendwelchen festen Punkte in unserer Zeit der sogenannten Postmoderne – also der Nach-Moderne? Im 19. und 20. Jahrhundert, meinen viele Beobachter unserer Gesellschaft, da war das noch anders. Die Menschen der Vor- und Nachkriegszeit haben zwar oft Schweres erlebt, aber sie hatten überwiegend doch recht feste Erwartungen. Technische Verbesserungn bringen uns eine schönere Zukunft, hieß es. Die Menschen werden gebildeter und gehen deswegen auch besser miteinander um. Nach und nach werden wir gemeinsam die Weltprobleme besiegen. In diesem Geist wurden die Vereinten Nationen, die UN gegründet. Das waren die Hoffnungen der Moderne. Aber heute? Viele sagen, es gibt kein Welterklärungsmodell mehr, das von allen akzeptiert wird. Wir sind heute nicht mehr so optimistisch, dass am Ende der Geschichte die eine große gute Wahrheit stehen wird. Wir erleben die Welt wieder zunehmend als chaotisch und unsteuerbar. Für jede Wahrheit gibt eine Gegenwahrheit, für jede Meinung eine Gegenmeinung. Wenn jeder alles behaupten kann – ja, was gilt dann noch? Es gibt doch nichts Absolutes mehr, sagen viele. Es ist alles relativ, es hängt alles vom jeweiligen Standpunkt ab. Absolut relativ.

Es gab in der Geschiche Europas schon einmal eine Phase, in der so ähnlich gedacht wurde. Das war die Spätantike. Die Zeit, als die Überzeugungskraft der griechischen und römischen Religionen und Ideen abnahm. Das große römische Imperium funktionierte zwar noch, aber es wurde eher durch Macht und Militär zusammengehalten, nicht mehr so sehr durch gemeinsame Werte. In dieser Zeit läuft Paulus, der christliche Denker, Prediger und Gemeindegründer, durch die griechische Hauptstadt Athen. Athen war eines der Bildungszentren der damaligen Welt. Paulus sieht sich die Stadt an mit ihren vielen Altären und Götterstatuen, die alle gleichberechtigt und tolerant nebeneinanderstehen. Im Anschluss hält er auf dem zentralen Platz Athens eine Rede, Apostelgeschichte 17, ab Vers 22:

 

Paulus stand mitten auf dem Areopag und sprach:

„Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in jeder Hinsicht sehr verehrt.

Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen.

Da fand ich einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott.

Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist,

er, der Herr des Himmels und der Erde,

wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.

[…] Wir sollen nicht meinen,

die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern,

die durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht sind.

Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen;

nun aber befiehlt er allen Menschen überall, dass sie umkehren.

Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis gerecht richten wird

durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat.

Den Glauben an ihn hat Gott jedem angeboten,

indem er ihn von den Toten auferweckt hat.“

 

Also, zunächst einmal: alles tolerant, alles relativ, alles friedlich. So sieht es jedenfalls aus. Jeder Gott kriegt seinen Altar, jedes Göttchen sein Altärchen, und dann, um ganz sicher zu gehen, gibt es auch noch einen Altar für den Gott, den man vielleicht vergessen haben könnte. Oder den man eben nicht kennt, der über all den vielen Einzelgöttern steht. So weit der Konsens. Alles relativ – absolut relativ. Und dann? Dann kommt auf einmal Paulus und sagt: Mir ist dieser Gott begegnet! Ich habe seine Stimme gehört, ich habe ein Licht gesehen, das mich vom Pferd geworfen hat. Gott ist mir in Jesus Christus begegnet, und das hat für mich alles verändert. Jetzt weiß ich: Gott ist nicht weit weg geblieben sondern wurde Mensch wie wir. Und nicht nur das, er starb und ist wieder auferstanden, in ein neues Leben hinein! Gott hat den Tod besiegt.

Was ist die Reaktion der Griechen?

 

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten,

begannen die einen zu spotten;

die anderen aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein anderes Mal weiter hören.

So ging Paulus von ihnen.

 

Typisch postmodern, diese Reaktion: Komm ein anderes Mal wieder, dann wollen wir dich weiter hören. Hätte Paulus dieses Bekenntnis zur Auferstehung Jesu in einer anders strukturierten Gesellschaft von sich gegeben, zum Beispiel während der Wallfahrt der Muslime in Mekka, dann wäre er garantiert gelyncht worden. Tja, da haben Wahrheiten einen anderen Stellenwert und werden sehr handfest verteidigt. So brutal sind die Griechen natürlich nicht. Sie sind keine religiösen Fanatiker. Sie sagen nur: Aha, interessante Meinung. Nächstes Mal reden wir weiter mit dir. Vielleicht. Und manche halten ihn auch einfach nur für einen Schwätzer. So wird die Wahrheit neutralisiert. Statt sie brutal mit Steinen zu bewerfen, wird sie in Watte gepackt. Und schwupps, schon ist die Wahrheit, die Paulus für konkurrenzlos wichtig und überzeugend hält, nur noch eine von vielen Möglichkeiten. Kommt uns das nicht sehr bekannt vor?

„Es gibt keine absolute Wahrheit.“ So lautet das Bekenntnis der Postmoderne. Seltsamerweise ist gerade das einen Wahrheitsanspruch! Der Satz, dass es keine Wahrheit für alle gebe, will ja selber wahr sein. Und wehe dem, der ihm in einer öffentlichen Diskussion widerspricht! Er wird zwar bei uns nicht gesteinigt. Aber manches, was in Sozialen Netzwerken oder in Talkshows auf so einen Satz hin passiert, kann schon sehr unangenehm sein. Dass es keine allgemeinverbindliche Wahrheit gibt, dieser Satz gilt heute paradoxerweise als allgemeinverbindliche Wahrheit! Darüber, ob das logisch ist, könnte man jetzt noch einige Zeit weiter diskutieren und streiten. Das will ich hier nicht tun, es ist ja ein Gottesdienst und kein philosophisches Seminar. Aber ich möchte doch einmal auf diesen inneren Widerspruch aufmerksam machen.

 

Was mich und vielleicht auch Sie und Euch viel mehr interessiert, das ist doch die Frage: Wie kann ich leben angesichts der dauernden Relativierung? Kann ich das aushalten, dass alles permanent im Fluss ist und in Frage gestellt wird? Viele behaupten es zwar, dass sie so leben. Aber tun sie es wirklich?

Mein Eindruck ist: Der Mensch ist dafür eigentlich nicht gemacht. Mit dem Gefühl zu leben, dass einem immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wird, das ist auf Dauer zu anstrengend. Und so suchen ganz viele unserer postmodernen Mitmenschen und wahrscheinlich wir selber auch uns immer wieder neue Wahrheitspunkte. Etwas Festes, an das wir uns halten können. Eine Stelle, auf der wir fest stehen. Nur – wie stabil sind diese Stellen?

Das Beispiel vom Ich als Haltepunkt für sich selbst haben wir schon gehabt. Denken Sie an die Selfies an der Treppenkante. Was gibt es noch, woran Menschen sich heute zu halten versuchen? Für die einen sind es die starken Führungspersönlichkeiten. Endlich mal einer, der durchgreift und sagt, was Sache ist. Einer, der die Verhältnisse zurechtrückt. Aber wie lange wird das gehen, Politik zu machen, die konsequent bestimmte Sichtweisen und Fakten ausblendet?

Für andere Zeitgenossen, vor allem für Jugendliche, ist es die Marke. Was trägst du? Welches Handy hast du? Zu welcher Gruppe gehörst du? Wenn das Logo stimmt, stimmt alles. Scheinbar. Ich kann meine Unsicherheit zumindest dahinter verstecken. Aber wie belastbar ist so eine Identität? Was ist, wenn das Handy kaputt geht? Was ist, wenn das Geld fehlt für die Markenschuhe? Aus solchen Gründen sind Jugendliche schon kriminell geworden. Kann das der Halt für’s Leben sein – mein Pulli, meine Schuhe, mein Handy? Und später dann mein Haus, mein Auto, mein Boot?

 

Jesaja 22,12 und 13: Gott ruft seinem Volk zu, dass es von seinen falschen Wegen umkehre.

Aber siehe, da ist lauter Freude und Wonne,

Rinder und Schafe schlachten, Fleisch essen und Wein trinken.

„Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot.“

 

Was heißt so eine Lebenseinstellung für die Gesamtheit der Menschen auf unserem Globus? Wenn alle Chinesen und Inder und Afrikaner unseren Lebensstandard hätten, bräuchten wir vier bis fünf Erden. Ist das gerecht? Hat das Zukunft? Hat das Bestand?

 

Lukas 12,15: Jesus sprach zu ihnen: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier.

Denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“

 

Es gibt Menschen, die hinter die Fassade dieses Materialismus schauen. Sie wissen, dass es so nicht weitergeht und wir unsere Ressourcen zu sehr ausbeuten. Sie engagieren sich für eine bessere Zukunft. Woran halten sie sich? Was gibt ihnen Hoffnung und ein Fundament?

Für viele heißt die Antwort einfach: „Mensch“. Vor ein paar Jahren wurde das Lied von Grönemeyer ein Hit, das genau so heißt. „Der Mensch heißt Mensch, weil er mitfühlt und vergibt, weil er lebt und weil er liebt und weil er lacht…“ Ja, das ist die gute Seite am Menschen, und mit dieser Perspektive wurde schon unglaublich viel Gutes geschaffen. Leider ist der Mensch aber auch noch vieles andere. Böse und gemein, egoistisch und kurzsichtig, zynisch und schnell zu entmutigen. Viele starten mit hochfliegenden Plänen, wollen die Welt retten, scheitern dann aber an Enttäuschungen und Rückschlägen, an der Komplexität der Materie, an schwierigen Beziehungen, ihren eigenen Abgründen. Es ist leicht, davon zu reden, dass alle Menschen Schwestern und Brüder sind. Wenn dann aber konkret jemand vor mir steht, der Hilfe braucht, der aber zugleich ganz anders ist als ich und vielleicht auch manchmal nervig und schwer zu verstehen und überhaupt schwierig – wie sieht es dann aus mit meiner Weltverbesserung?

 

Jeremia 17,9: Das Herz des Menschen ist ein trotziges und verzagtes Ding;

wer kann es ergründen?

 

Die Bibel zeigt uns den Menschen und die Welt, wie sie ist. Voller Chaos, ein ständiges Auf und Ab, wunderbare Schönheiten und furchtbare Katastrophen. Die Bibel ist voller Hoffnungen, aber diese Hoffnungen werden oft auch enttäuscht. Sie ist voller apokalyptischer Ängste, und diese Ängste treffen oft ein. Sie zeigt die Wirklichkeit, wie sie ist, ohne Beschönigung, ohne Struktur, ohne Fortschritt aus sich selbst heraus. Die Welt wird nicht immer besser und schöner, wir alle machen immer noch die Fehler von Adam und Eva, von Jakob und Josef, von David und Jona. Jeden Tag wiederholt sich die Geschichte.

Aber mitten in all diesen Unwägbarkeiten, in all dem Relativen und Chaotischen und Undefinierbaren gibt es den einen, der anders ist. Ja, ich glaube daran: Es gibt das Absolute im Relativen.

 

Johannes 18,37: Jesus antwortete Pilarus: „Du sagst es: Ich bin ein König.

Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen,

dass ich die Wahrheit bezeugen soll.

Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“

 

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist keine Lehre, keine Macht, keine Ideologie und kein Konzept. Wahrheit ist eine Person. Jesus tritt nicht mit wissenschaftlichen Beweisen auf, nicht mit militärischer oder finanzieller Macht. Jesus überwältigt seine Gegner nicht, auch nicht mit Argumenten. Aber er wirbt um sie. Er liebt. Er verändert.

Die Wahrheit von Jesus Christus ist verborgen unter ihrem Gegenteil, so hat Martin Luther im Anschluss an Paulus gesagt. Denn Gottes Weisheit wirkt auf viele Menschen dumm und peinlich. Warum soll Gott als Verbrecher hingerichtet werden? Was soll das mit dem Kreuz? Das ist es, was viele so abstößt am christlichen Glauben, dieser leidende Gott. Seine Macht ist verborgen in der Ohnmacht, sein Licht im unscheinbaren Leben eines Handwerkers aus Palästina. Und das soll Gottes Wahrheit sein für jeden Menschen und für alle Zeiten? Ja, sagt die Bibel und sagt er selbst – an Jesus Christus entscheidet sich das Schicksal der Welt. Und auch meines. Sein Wort ist der feste Punkt, der Anker in der Zeit, die Basis für mein Leben.

Ja, aber – wird denn nicht die Bibel auch mit immer sich verändernden Sichtweisen gelesen? Ist das alles nicht bloße Interpretationsfrage, was man da rausliest? Natürlich: Ein Eskimo im 18. Jahrhundert stellt vielleicht andere Fragen an die Bibel als eine Chinesin im 21. Jahrhundert oder ein Wittenberger Mönch im 16. Jahrhundert. Es gibt sie, diese verschiedenen Perspektiven. Aber wenn wir uns die weltweite Kirche anschauen auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende, dann ist es doch immer wieder zu merken: Gottes Wort setzt sich selber durch. Gegen alle eigenwilligen Interpretationen, gegen Sektierertum und Fanatismus und auch gegen verkrustete Strukturen und Langeweile setzen sich immer neu Reformbewegungen durch, die zur Mitte zurückführen. Zur Quelle des lebendigen Wassers. Zu den Worten Jesu Christi. Sie setzen sich durch, sogar auch mal gegen eine schlechte Predigt und gegen Pfarrer oder Gemeindeglieder, die fehlerhaft sind und die nervig sein können. Gottes Wort bringt sich selber zu Gehör. Es setzt sich durch. Gottes Wort ist nicht bloß das passive Material unserer Interpretationen, sondern

 

Hebräer 4,12: Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig

und schärfer als jedes zweischneidige Schwert

und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist

und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

 

Nicht wir beurteilen, was Wahrheit ist. Sondern Gott beurteilt uns, ob wir in seiner Wahrheit sind. Und es ist nur logisch, dass diese Wahrheit nicht mit unseren Mitteln zu beweisen ist. Denn wäre sie es, dann würde sie wieder unser eigener Besitz, würde eine Lehre, ein menschlich verfügbarer Gegenstand. Nein, wir können Gottes Wahrheit nicht beweisen. Aber sie erweist sich selber in ihrer Kraft, in ihrer Kraft und Autorität – mitten in all dem, was ansonsten relativ ist.

Was habe ich davon in meinem Alltag? Vor allem eines: eine feste Zuversicht. Und daraus folgend eine fröhliche Gelassenheit, was meinen Selbstwert angeht. Wenn andere das bestreiten, was ich sage oder bin, dann muss ich nicht mit Rechthaberei antworten. Ich muss weder mich selber retten noch die Welt. Sondern ich kann in der Gelassenheit sprechen und handeln, die Paulus uns vorlebt. Mitten in einem heftigen Konflikt mit Menschen seiner Gemeinde schreibt er,

 

1. Korinther 4,3 und 4: Für mich ist es eine Geringfügigkeit, dass ich von euch

beurteilt werde oder von einem menschlichen Gericht;

auch beurteile ich mich selbst nicht.

Ich bin mir zwar nichts bewusst,

aber darin bin ich noch nicht gerechtfertigt.

Der Herr aber ist es, der mich richtet.

 

So eine Haltung macht mich tolerant in all dem, was relativ ist und bleibt. Ich kann mich sogar selber relativieren. Ich schwebe nicht absolut im freien Raum, losgelöst von anderen Dingen und Menschen. Aber ich stehe auf festem Boden. Nicht weil ich so toll wäre, im Gegenteil. Sondern weil Jesus Christus für mich gestorben und auferstanden ist. Das hält – für immer.

Amen.

 








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