Evangelische Kirche Bruchköbel - Frei von der Rolle (M. Abraham)
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Lk 10,38-42: Frei von der Rolle

26.II.2017, Estomihi                                                                                           Bruchköbel

 

Wochenspruch: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten vom Menschensohn.“ (Lk 18,31)

 

Die güldne Sonne (449,1.8.9)

 

Psalm 31 (716)

 

Wem dienen wir eigentlich mit unserem Leben?

Häufig unseren eigenen Interessen.

Noch häufiger vielleicht dem, was andere von uns erwarten und denken.

Und Gott?

Wenn wir ihm dienen wollen, dann oft in beratender Funktion.

Weil wir meinen, wir wüssten es besser.

Wir bitten ihn um sein Erbarmen und singen:

-> Herre Gott, erbarme dich.

 

Jesus dient uns.

Auf dem Weg zu Leiden und Tod, zu Auferstehung und Herrlichkeit

besucht er seine Menschen.

Er macht uns frei von dem, was andere denken oder womit wir uns selber einengen.

Er hat einen guten Weg für uns, auch wenn wir manches nicht verstehen.

Deshalb loben wir ihn und singen:

-> Ehr sei dem Vater und dem Sohn

 

Herr Jesus Christus,

du hast diese Welt besucht als Mensch.

Du bist in dieser Welt geblieben durch deinen guten Geist.

Mit ihm und seiner Kraft besuche auch uns heute in diesem Gottesdienst.

Wir werden stille vor dir.

---

Jesus Christus, danke für Deine Nähe und Liebe.

Ehre sei dir mit dem Vater und dem Heiligen Geist in Ewigkeit.

 -> Amen.

 

Schriftlesung: Mk 8,31-38

 

Mache mich zum guten Lande (EG 166,4-6)

 

38        Als sie auf dem Weg [nach Jerusalem] waren,

            kam Jesus in ein bestimmtes Dorf.

            Dort nahm ihn eine Frau namens Martha [in ihr Haus] auf.

39        Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß.

            Diese setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte seiner Rede zu.

40        Martha aber war durch die vielen Dienste im Haus völlig in Anspruch genommen.

            Da stellte sie sich hin und sagte:

            „Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich allein dienen lässt?

            Sag ihr doch, dass sie mir mit anfasst!“

41        Der Herr antwortete ihr und sagte:

            „Martha, Martha, du machst dir über vieles Sorgen und Unruhe.

42        Aber es gibt nur eins, was nötig ist.

            Maria hat sich das gute Teil ausgewählt,

            das soll ihr nicht wieder genommen werden.“

 

Lukasevangelium, Kapitel 10, die Verse 38-42. Maria und Martha, liebe Gemeinde – für die meisten von uns dürfte das eine der sehr vertrauten Bibelgeschichten sein. Vielleicht sogar eine Klischeegeschichte? Die Auslegung legt sich jednefalls nahe. Fromme Maria, werkgerechte Martha – Maria hat das gute Teil erwählt. Wir sollen uns nicht abrackern, heißt das doch, sondern sollen Jesus an Nummer 1 setzen. Und da ist ja auch was dran.

Aber Arbeit liegen lassen und nur noch mit Jesus im Gespräch sein – kann das so gemeint sein? Singt Lukas hier das Hohelied der Klosterschwestern, die ihre Angestellten für sich das Praktische erledigen ließen, damit sie beten und singen konnten? Tut ein Pfarrer, der Samstags seine Predigt vorbereitet und sich von seiner Familie abkapselt, wirklich Besseres als einer, der zu Hause mit anfasst? Und wer macht ihm dann das Essen? Nein, ohne Martha geht es nicht.

Erst recht geht es nicht, aus dieser Geschichte zeitlose Prinzipien oder gar grundsätzliche Hierarchien zu konstruieren. So, als sein Beten immer besser als Arbeiten, Theorie immer höher als Praxis, Meditation immer eher angesagt als Anpacken.

 

Achten wir zunächst einmal darauf, an welcher Stelle seines Evangeliums Lukas diese Geschichte erzählt. Vorher kommt das Gleichnis vom barmherigen Samariter. Ja, was hätte der denn tun sollen, als der Verletzte am Weg lag? Etwa ein Gebet für ihn sprechen, einen Bibelvers zitieren und weiterreiten? Nein, in dem Moment war etwas anderes dran. Das aktive Leben gehört ganz eng zum Glauben dazu, das war für Jesus völlig klar.

Und im Anschluss? Nach der Geschichte von Maria und Martha kommt bei Lukas das Vaterunser. Das scheint nun das andere Ende der Skala zu sein. Nicht Aktion, sondern Gebet. Aktive Menschen kritisieren oft das Beten als Weltflucht. Da schließt jemand die Augen, heißt es dann, um nichts mehr sehen zu müssen. Aber im Vaterunser sprechen wir: „…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, und: „Dein Wille geschehe auch auf Erden.“  Das sind nicht bloß Worte. Das sind Sätze, die in unser ganz praktisches Leben hineinreichen. Beten, Meditieren, auf Gott hören und mit ihm reden, das gehört ganz eng mit dem Handeln zusammen. Wir sehen also: Schematische Alternativen führen nicht weiter. Maria und Martha, beide Schwestern haben ihr Recht. Der barmherzige Samariter und das Vaterunser, beides ist eng aufeinander bezogen.

 

Schauen wir uns jetzt die Geschichte selber an. Und dabei sage ich bewusst: „die Geschichte“. Maria und Martha ist keine Gleichniserzählung, an der etwas für immer Gültiges deutlich werden soll. Sondern Lukas schildert, was Jesus mit zwei ganz konkreten Menschen erlebt hat, in einem ganz konkreten Moment, als er nämlich auf dem Weg nach Jerusalem war. Er ging dahin, wo er einige Wochen später leiden und sterben sollte – aber dann auferstehen in Gottes neues Leben hinein. Jesus war also auf dem Weg, seinem einmaligen und einzigartigen Auftrag gerecht zu werden. Als diese einmalige und einzigartige Person war er jetzt bei Maria und Martha zu Besuch.

Denken wir mal kurz an uns selber. Stellen wir uns vor, eine ganz wichtige und wertgeschätzte Person, die wir nur selten sehen, kommt bei uns vorbei. Was ist angesagt, wenn ein so einmaliger Besuch kommt? Einer, den wir vielleicht danach nie wieder sehen werden? Dann kommt es doch auf jeden Fall darauf an, ihn gastfreundlich empfangen, oder? Ein gutes Essen hinzustellen. Es wäre eine Schande gewesen, Jesus und seine Jünger hungrig sitzen zu lassen. Und so legt sich Martha in der Küche ins Zeug, um Jesus zu dienen, wie es hier wörtlich heißt. Um ihm auf praktische Weise ihre Liebe zu zeigen. Das kann an sich ja wohl nicht verkehrt sein. Und das sagt Jesus auch nicht. Aber – es gab in diesem einen wertvollen Moment, wo Jesus kommt, doch etwas, was noch wichtiger war als das Essen. Nämlich ihm zu begegnen. Die Zeit mit ihm zu nutzen. Und das hat Maria getan.

 

Maria tut in diesem einen Moment das Eine, auf das es wirklich ankommt. First things first, sagen die Amerikaner. Zu deutsch: Was am Wichtigsten ist, sollte auch zuerst kommen. Alles andere sortiert sich danach. Und das ist es, was Maria in diesem Moment besser begriffen hat als Martha. Wenn ich mit meiner Frau zwei Minuten mitten am Tag über etwas Wichtiges reden will, dann ist es egal, ob gerade schon die Wäsche gewaschen ist und ob wir noch einkaufen müssen und wieviel Arbeit noch auf dem Schreibtisch liegt und ob heute Abend was im Fernsehen kommt und ob gerade jemand eine WhatsApp schreibt. Dann geht es um uns und unser Thema. Genauso, wenn mein Kind mir etwas Wichtiges sagen will. Genauso, wenn ich mich einem anderen Menschen ganz zuwenden möchte. Wenn ich bei mir im Pfarrbüro in einem Traugespräch sitze und das Telefon klingelt, lasse ich es klingeln. Wenn ich zu  einem Trauergespräch gehe, dann lasse ich das Handy zu Hause. Dann soll keine Unterbrechung sein. Und wenn ich morgens meine Kerze anzünde und in der Bibel lese, sorge ich dafür, dass ich möglichst nicht gestört werde. First things first. Das Wichtigste zuerst, alles andere kommt danach.

Maria richtet sich kompromisslos auf das Eine aus, was wichtig ist. Das bedeutet nicht, dass sie ansonsten keine gute Hausfrau gewesen wäre. Aber in diesem Moment mit Jesus und seinen anderen Hörern, da hat sie das Leben gefunden. Und dieses Leben bedeutet vor allem eins: nämlich Freiheit.

 

Die neue Freiheit der Maria ist mir an dieser vertrauten Geschichte besonders aufgefallen. Ihre Freiheit von dem, was die Schwester sagt und was „man“ so sagt, das ist auch für uns heute interessant. Wir alle können etwas von dieser Freiheit brauchen.

Es ist ja viel darüber spekuliert worden, was diese beiden Schwestern für ein Verhältnis gehabt haben mögen. Einzelheiten erfahren wir dazu nicht. Aber ich finde es doch auffällig, dass im ersten Vers nur steht, Jesus kommt „zu Martha“ zu Besuch. Maria wird nicht erwähnt. „Martha“ bedeutet „Herrin“. Sie ist wahrscheinlich die Ältere, sie führt das Haus. Sie ist wohl auch vom Typ her resolut, immerhin traut sie sich ja, mitten in die Männerrunde zu platzen und Jesus persönlich zur Rede zu stellen. „Herr, sag doch meiner Schwester…“ Das braucht Mut, gerade in der damaligen patriarchalen Kultur. Martha weiß um ihre Macht und kann sie selbstbewusst einsetzen. Sie ist eine starke Frau, so wie heute auch viele in unserer Gemeinde starke Typen sind, Männer und Frauen. Allerdings: Martha spricht ihre Schwester nicht direkt an. Sondern sie versucht, indirekt Druck auszuüben. Sie will Jesus und Maria ein schlechtes Gewissen machen, dass sie sie mit all der Arbeit sitzen lassen. Indirekter Druck, ein schlechtes Gewissen machen, das sind bis heute beliebte Methoden, und: Sie funktionieren immer wieder. Martha ist offensichtlich die Mächtigere der beiden Schwestern. Aber trotzdem – sie ist nicht frei, sondern gefangen. Gefangen in sich selbst, in ihren Plänen, ihrem Stress. Doch, sie schafft ganz, ganz viel. Aber weil es zuviel ist, was sie will, und weil es nicht so funktioniert, wie sie es will, nämlich ihre Schwester für ihre eigenen Ziele einzuspannen, deshalb wird sie immer unzufriedener. Und explodiert schließlich.

Maria ist demgegenüber die Freie. Nicht etwa, weil sie als frommer Jesus-Fan etwas weltfremd wäre. Auch nicht, weil sie der Prototyp der emanzipierten Frau wäre, die aus der Küche ausbricht, um an der Männerwelt teil zu haben. Ich kann mir Maria schlecht als eine christliche Alice Schwarzer vorstellen, die die Gesellschaft umkrempeln will. Um Sozialpolitik geht es Maria nicht. Sie will einfach nur Jesus begegnen. Will Worte hören, die ihrem Leben Kraft und Orientierung geben. Sie spürt, dass ihr in Jesus Gottes Geist ganz nah kommt. Für diese einmalige Chance lässt sie alles andere hinter sich. Maria ist sozusagen eine stille Revolutionärin. Sie macht keinen Aufstand gegen hergebrachte Rollenmuster. Aber sie wird innerlich frei von diesen Rollen und Zwängen. Und das ist etwas, meine ich, was die Begegnung mit Jesus uns heute genau so geben kann.

Wenn ich mich Jesus vorbehaltlos aussetze, so wie Maria es tut, dann muss ich nicht mehr mein Leben lang festgelegt sein auf meine Rolle. Immer die große Schwester sein, die Verantwortung für alles und jeden übernimmt. Oder immer der einsame Wolf, der sich mit seinen Ellenbogen und Fäusten durchsetzt, der aber nicht mit anderen zusammenleben kann. Ich muss nicht immer die geschiedene Frau sein, die unter dem Scheitern ihrer Beziehung leidet und sich pausenlos fragt, was sie falsch gemacht hat. Ich kann mehr sein als immer nur das kleine Kind, das sich wehleidig zurückzieht, wenn jemand mich einmal kritisch anspricht. All diese Rollen und noch viel mehr, ob dienende oder herrschende, sind uns anerzogen und aufgeprägt worden. Durch unsere Familie, durch gesellschaftliche Normen, durch Ideale aus der Medien- und Illustriertenwelt. Sei so und nur so, heißt dann funktionierst du und wirst anerkannt. Oder umgekehrt: Sei immer dagegen, dann giltst du als stark und emanzipiert! Ob immer in der Rolle oder immer prinzipiell dagegen – in beidem folgen wir oft Schemata und werden von ihnen beherrscht. Maria tut keins von beidem. Und gerade darin ist sie frei. Frei in diesem Moment. Und von da an frei für ihr ganzes Leben. Sie hat das gute Teil ausgesucht, und das soll ihr nicht wieder genommen werden.

 

Und am nächsten Tag? Wie ging es wohl weiter, als Jesus weg war? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie dann wieder in der Küche gestanden hat. Aber nicht verbissen und stumfsinnig. Sondern mit dieser neuen inneren Weite, mit dieser Freiheit. Die Worte Jesu klangen in ihr noch nach. Ab und zu summte und sang sie bei der Arbeit. Immer wieder einmal schaute sie kurz aus dem Fenster, nahm die Welt um sich herum wahr, dachte daran, was jetzt vielleicht in Jerusalem passierte. Sie war zwar wieder zurück in ihrer Rolle, die sie im Haus nun einmal hatte. Aber: Sie war keine Sklavin dieser Rolle.

 

Und Martha? Von ihr wird an einer anderen Stelle im Neuen Testament noch einmal berichtet – Johannes, Kapitel 11. Da erscheint auch sie in einem anderen Licht. Ihr Bruder war gerade erst gestorben. Jesus kam zu Besuch. Martha läuft ihm entgegen, bleibt diesmal also nicht in der Küche bei der Arbeit. Extrovertiert, wie sie ist, beginnt sie sofort das Gespräch. „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“ Ist das ein Vorwurf? Eine versteckte Hoffnung? Oder beides? Jedenfalls ist es ein Satz des Glaubens. Und Jesus fragt sie dann aus über ihren Glauben – ob sie glaubt, dass der Bruder auferstehen wird. Martha kann dazu etwas sagen, mit ihren eigenen Worten. Ja, sie bekennt sich zur Auferstehungshoffnung. Und dann sagt Jesus ihr persönlich das zu, was wir bis heute bei Beerdigungen hören: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Einer der zentralen Sätze des neuen Testaments, von Jesus zu Martha gesprochen.

 

Martha war viel mehr als bloß eine Hausfrau. Und Maria war viel mehr als bloß eine fromme Meditationsschwester. Beide sind Jesus begegnet. Und beide wurden dadurch frei von ihren Rollen, frei von ihrem Image, frei letztlich von sich selber. Ihre eigene Prägung, ihre Stärken und Schwächen waren nicht mehr das Entscheidende. Sondern das, was Jesus ihnen an neuem Leben vermittelte.

Genau so können auch wir uns herauslösen aus den alten Zwängen, können frei werden von dem, was andere über uns sagen oder denken. Jesus will uns frei machen für das große Ganze. Wenn wir diese Weite im Herzen und im Blick behalten, dann können wir auch wieder so frei sein, in unser kleines Leben zurückzukehren. Aber nicht mehr als dieselben. Sondern als Menschen, die verändert sind.

Amen.

 

In der Stille angekommen (N 30)

 

Abendmahlsfeier

 

Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198)

 

Man muss nicht in die Hände spucken, ehe man sie faltet. (Franz Kafka)

 

Gott, du rufst uns in der Beschäftigung mit den vielerlei Dingen

zur Besinnung auf das Wenige, was nötig ist.

Du rufst uns zur Begegnung mit dem einen, der gekommen ist,

damit wir das Leben und volle Genüge haben.

Hilf uns, in dieser Beschränkung und Konzentration diesen Reichtum zu entdecken.

Mach uns frei von uns selbst und mach uns fähig, anderen Zeit, Geld und Kraft abzugeben.

Du verstehst und du siehst unsere Mühe.

Aber du gibst uns von deiner Gelassenheit – gerade angesichts all dessen, was zu tun ist.

Wir bitten dich, dass du die Mächtigen anrührst,

dass du ihnen ihre Grenzen und ihre Verantwortung aufzeigst.

Wir bitten dich für die Menschen auf der Flucht, in Angst, in Einsamkeit,

im Konkurrenzkampf: Lass sie einen guten Weg finden.

Nicht den Weg der Härte und der Eigensucht,

sondern den Weg des Vertrauens und der Hoffnung.

Vaterunser

 

Meine Zeit steht in deinen Händen (N 37)

 








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