Evangelische Kirche Bruchköbel - Das (un)mögliche Zeichen (M. Abraham)
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Mt 12,38-42: Das (un)mögliche Zeichen

 

12.III.2017, Reminiscere                                                                                     Bruchköbel

 

Wochenspruch: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8)

 

Lieder: Herr, ich komme zu dir (N 25); Er hält die ganze Welt (EG 619); Sei behütet auf allen Wegen (N 44); Wenn wir in höchsten Nöten sein (EG 366,1-4); Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346,1.4.5)

 

Psalm 34 (EG 718)

 

Schriftlesung: Mk 12,1-12

 

Liebe Gemeinde,

„Gib mir ein Zeichen! Zeige mir, dass das stimmt!“ Wann haben Sie das zum letzten Mal zu jemandem gesagt? Oder sind selber danach gefragt worden? Vermutlich ist das gar nicht so lange her. Ein Zeichen geben, beglaubigen, dass etwas stimmt – das müssen wir eigentlich jeden Tag. An der Supermarktkasse gebe ich die Unterschrift, wenn ich mit Karte zahle. Bei Behörden oder bei Auslandsreisen muss ich meinen Pass vorzeigen. Bei großen Anschaffungen wird oft eine Anzahlung verlangt als Zeichen, dass das Geschäft wirklich zu Stande kommt. Und so weiter. Auch im zwischenmenschlichen Bereich geben wir einander Zeichen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und wenn so eine Freundschaft sich vertieft, dann zeigen junge Paare einander das oft mit einem Ring oder einem Vorhängeschloss an einer Brücke. Und schließlich, noch einen Schritt weiter: der Ehering als Zeichen für diejenigen, die ihre Partnerschaft feierlich und öffentlich bekräftigen wollen.

Ist es da nicht auch legitim, wenn Menschen von Gott ein Zeichen verlangen? Ein Zeichen der Beglaubigung? Das ist ja doch schon ganz schön viel verlangt mit dem Glauben. Nichts sehen und sich doch auf Gott und Jesus verlassen sollen. Was gibt uns eigentlich eine Sicherheit, dass an der Sache wirklich etwas dran ist?

Wir hören das biblische Wort für heute aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 12, ab Vers 38.

 

38        Da sagte einige Schriftgelehrten und Pharisäer zu Jesus:

            „Meister, wir möchten gerne ein Wunderzeichen von dir sehen.“

39        Er antwortete ihnen:

            „Diese böse und untreue Generation verlangt ein Zeichen.

            Aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden, nur das Zeichen des Propheten Jona.

40        Denn so, wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Meeresungetüms war,

            so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Inneren der Erde sein.

41        Beim [Jüngsten] Gericht werden die Leute von Ninive

            gegen diese Generation auftreten und werden sie verklagen,

            denn sie haben Buße getan und sich der Predigt Jonas zugewendet;

            und siehe, hier ist mehr als Jona.

42        Die Königin des Südens wird am Gericht[stag] gegen diese Generation aufstehen

            und wird sie verklagen,

            denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit [König] Salomos zu hören;

            und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Herr, lass uns hören und verstehen…

 

Jesus, gib uns ein Zeichen. Gott, hilf mir glauben. Ist das nicht verständlich, wenn Menschen so fragen? Warum weist Jesus sie so schroff ab? Sollte er sich nicht freuen, dass die Leute sich überhaupt für ihn interessieren?

„Jesus, wir möchten gerne ein Zeichen von dir sehen.“ Manche von euch Konfirmanden fragen sich vielleicht, ob wirklich etwas dahinter steckt bei dem, was ihr im vergangenen Jahr gehört und erlebt habt. In ein paar Wochen werdet ihr konfirmiert. Und dann? Wird das mit Gott und Jesus eine Wahrheit werden, die euer Leben bestimmt? Oder ist es eher nur eine Erfahrung unter vielen, die ihr in eurer Teenie-Zeit macht? Ein Zeichen wäre schon hilfreich, um zu erfahren, ob es Gott wirklich gibt, ob Jesus wirklich Macht hat. [Auch die kleine Lisa, die wir eben getauft haben, wird vielleicht einmal so fragen, wenn sie in eurem Alter ist.] Und dann sind da noch wir Altgedienten im Glauben. Fast jeden Sonntag sitzen wir hier im Gottesdienst. Wir kennen die Bibel inzwischen recht gut. Könnten wir nicht auch einmal so ein besonderes Zeichen brauchen, so eine Beglaubigung, die über jeden Zweifel erhaben ist? Würde uns das nicht helfen, unseren Glauben zu stärken, zu erneuern und vertiefen?

Jesus sagt seinen Zuhörern: „Diese böse und untreue Generation verlangt ein Zeichen. Aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden.“ Warum so scharf? Warum so ablehnend?

 

Ich glaube nicht, dass Jesus sich darüber aufregt, dass Menschen nach einer Hilfe zum Glauben fragen. Er hat sich immer wieder Zeit genommen, um seinen Jüngern und den anderen Zuhörern den Glauben nahe zu bringen. Er hat ihnen Gleichnisse aus ihrem Alltag erzählt. Er ist geduldig auf ihre Fragen eingegangen. Und, ja, er hat auch Zeichenhandlungen getan – Heilungen und Naturwunder, die nicht ohne weiteres erklärbar waren, die die Leute zum Staunen gebracht haben. All das waren Hinweise darauf: Hier passiert etwas Besonderes. Hier ist einer, der anders ist als normale Menschen. Doch, Jesus hat seinen Mitmenschen schon Hilfen zum Glauben gegeben, wenn er die Gelegenheit dazu angemessen fand.

Was Jesus aber nie getan hat: sich einem vorgegebenen Schema anzupassen. Sich in ein Raster fester Erwartungen pressen zu lassen. Und so ein Raster ist es eben, was er hinter der Frage der Pharisäer und Schriftgelehrten verspürt. Denn was ist eigentlich ein Zeichen, wie funktioniert es? Ein Zeichen funktioniert nur dann, wenn es in bestimmte Rahmenbedingungen eingeordnet wird. Ein Zeichen gehört in ein System. Buchstaben zum Beispiel erkenne ich nur dann als ein bestimmtes Wort, wenn ich die Regeln der deutschen Rechtschreibung kenne. Oder ein Verkehrszeichen – das ist ja an sich nur ein Stück Blech mit Farbe drauf. Aber: Es verweist auf die Straßenverkehrsbehörde, deren Regeln ich kenne (oder zumindest kennen sollte). Genauso ist es mit meiner Unterschrift. Eigentlich nur eine Linie auf dem Papier, aber mit ihr weise ich mich aus, ich kann damit innerhalb des deutschen Rechtssystems bestimmte Aussagen machen. All das funktioniert nur vor dem Hintergund eines Systems, das allen Teilnehmenden bekannt ist. Ein Zeichen braucht einen festen Rahmen, eine bestimmte Erwartung, in die es hineinpasst.

Was wäre wohl passiert, wenn Jesus dieser Anfrage unmittelbar entsprochen hätte? Wenn er auf Kommando ein außerordentliches Wunder getan hätte, wenn er es vielleicht sogar heute täte, vor laufender Kamera? Was wäre, wenn auf Kommando die berühmte Stimme vom Himmel käme?

Jesus würde ein Star werden. Seine YouTube-Videos würden millionenfach geteilt und geliked werden. Er wäre auf der Titelseite jeder Zeitung. Jede Nachrichtensendung würde etwas über ihn bringen. In den Talkshows wäre er das Thema – wieviel ist an seiner Show und seiner Person dran? Was steht dahinter? Das wäre doch toll für uns als Kirche, wenn wir wieder das Medienthema Nr. 1 wären, oder? Und würde nicht vielleicht auch Gott sich darüber freuen, dass sein Sohn so viel Aufmerksamkeit kriegt?

Aber was meinen Sie, wie lange der Hype dauern würde? Drei Tage? Vielleicht eine Woche? So lange, bis Trump wieder irgend etwas Schockierendes vom Stapel lässt. So lange, bis es einen besonders grausamen Terroranschlag gibt. Oder bis irgendwo die Erde bebt. Und dann würde Jesus einsortiert werden in die News-Archive und Datenbanken. Ja, ein außerordentliches Ereignis, sicher. Aber doch aufgesaugt und eingepasst in die Ordnung der Medien. Die Medien beschäftigen sich ja täglich mit dem Außerordentlichen – so dass es irgendwann nichts Außerordentliches mehr ist. Der Mensch gewöhnt sich an alles, sogar an Wunder. Beim Jahresrückblick käme Jesus vielleicht noch einmal auf die Liste der hundert einflussreichsten Personen, aber das wäre es dann auch gewesen. Die Maschinerie von Medien und Wirtschaft, von Politik und Religion würde weiter laufen. Ja, als Quelle für Inspiration und für spirituelle Erholung würde er wohl immer mal wieder herangezogen werden. Als Thema für die besonderen religiösen Momente des Lebens. Aber im Alltag käme er nicht wirklich vor. Jesus wäre einsortiert in die Gesamtheit der irdischen Ereignisse, die mehr oder weniger besonders sind, in den allgemeinen Strom der Geschichte, in die Gesamtheit unserer menschlichen Erfahrungen. Und das wäre es dann gewesen.

Wenn Jesus sagt: Ich erfülle eure Zeichenforderung nicht, dann deshalb, weil er in kein Schema passt. Er ist kein Zeichen für eine Sache, kein Element in einem System. Sondern er ist die Sache selbst. Er ist die Botschaft. Seine Person, seine Worte, sein Handeln, seine Kraft, seine menschliche Nähe, seine göttliche Autorität – all das ist eins. Erkennen können wir das nur, wenn wir ihm begegnen. Wenn wir ihn als Person ernst nehmen. Wenn wir ihn nicht als Zeichen sehen für irgendwelche Vorstellungen, die wir von einer außerordentlichen Persönlichkeit haben oder von einer Religion oder von Gott. Sondern wenn wir ihm wirklich nahe kommen. Oder besser gesagt, wenn wir uns dafür öffnen, dass er uns nahe kommt.

 

Ja, aber wie soll das denn gehen, wenn es zweitausend Jahre her ist, dass er auf der Erde gelebt hat? Was heißt das denn, Jesus begegnen?

Schauen wir noch einmal hin. Das Gespräch geht ja weiter. Erst sagt Jesus, dass er kein Zeichen auf Kommando geben will und kann. Und dann gibt es diese Möglichkeit doch – aber anders. Jesus spricht sogar von zwei Zeichen. Das erste ist das Zeichen des Jona, der eine Botschaft Gottes für die Stadt Ninive bekam. Und das zweite das Zeichen der Königin von Saba, die nach Jerusalem kam, weil sie viel von König Salomo gehört hatte. Beides sind Erzählungen der Bibel, aus dem Alten Testament. Was will Jesus uns damit sagen?

Jesus sagt: Ja, doch, ich zeige mich euch. Aber ich tue es zu meinen Bedingungen. Nicht zu euren. Wenn ihr mich finden wollt, dann schaut in die Bibel hinein. Das macht zwar etwas Mühe. Aber es lohnt sich auf jeden Fall. Denn wenn ihr die alten Worte in der Erwartung lest, mich darin zu finden, Gott zu begegnen – dann werden diese alten Worte anfangen, zu euch zu sprechen. Schaut doch mal, wie war das denn bei Jona? Er bekam den Auftrag von Gott, in einer feindlichen Großstadt eine Predigt zu halten. Ninive lag im heutigen Nordirak, etwa dort, wo heute die umkämpfte Großstadt Mossul liegt. Rund 800 Kilometer musste Jona dazu durch die Halbwüste reisen. Die Hauptstadt der Feinde, eines gottlosen und brutalen Volkes. Verständlich, dass Jona darauf keine große Lust drauf hatte. Er floh in die andere Richtung, übers Meer. Er erlitt Schiffbruch, er wurde von einem riesenhaften Meerestier verschlungen, überlebte nur knapp, wurde an Land gespuckt, machte sich danach wieder neu auf den Weg. Er erreichte sein Ziel, und: Das Unwahrscheinliche geschah. Die gottfernen Menschen Ninives änderten ihr Leben. Menschen, die ganz weit weg gewesen waren, wurden erreicht von der guten Nachricht, dass Gott sie liebt.

Und die Königin von Saba? Dieses Land liegt dort, wo heute der Jemen ist. Der Weg von dort nach Jerusalem ist noch weiter, über tausend Kilometer lang, ebenfalls durch größtenteils wüste Gegenden. Aber die Königin nahm ihn auf sich. Denn sie hatte gehört, König Salomo sei besonders von Gott gesegnet mit Weisheit und Erkenntnis. Das wollte sie erleben. Weil sie  Gott suchte, machte sie sich auf eine weite und anstrengende Pilgerfahrt. Wenn diese Leute, sagt Jesus, von den Enden der Erde herkommen, wenn sie solche Entbehrungen und Wege auf sich nehmen, um Gott zu finden – müsste es da nicht auch für euch möglich sein, mich zu finden und zu erkennen? Selbst wenn ich vielleicht nicht euren Erwartungen entspreche? „Siehe, hier ist mehr als Jona. Siehe, hier ist mehr als Salomo.“

 

Wo also ist Jesus zu finden? Wie können wir ihm begegnen? In seinen Worten. Das hat er damals schon seinen Hörern gesagt, die ihn live vor sich hatten – nur wenn ihr in die Heilige Schrift hineinseht und hineingeht, werdet ihr mich erkennen. Und das sagt er genau so noch uns heutigen Gottsuchern, uns Gläubigen und Zweiflern. Seht hinein in die Bibel, denn sie ist es, die von mir zeugt. Macht euch die Mühe, euch mit diesen Worten zu beschäftgen. Auch wenn es euch manchmal vorkommen mag wie ein Weg durch die Wüste des Nichtverstehens. Auch wenn eure Zweifel und Fragen euch zeitweise in die Tiefe eures inneren Meeres hinabführen, so dass ihr euch wie abgestorben fühlt. Auch wenn die Bibel euch vielleicht langweilig erscheint und die Geschichte mit dem Kreuz unattraktiv und abstoßend. Nur das ist der Weg, auf dem ihr mich finden und erkennen werdet. Ja, ich gebe euch ein Zeichen, sagt Jesus. Und dieses Zeichen ist mein Tod am Kreuz und ist mein neues Leben. Es lässt sich nicht ohne Weiteres erkennen. Es ist ein Zeichen, das Vertrauen braucht. Aber wer dieses Vertrauen wagt, wer es sich von mir schenken lässt – zu dem wird dieses Zeichen auch sprechen. Durch den Tod hindurch ins Leben. Das ist das Zeichen von Karfreitag und Ostern. Und letztlich ist genau das auch das Zeichen der Taufe. Wer unter Wasser kommt und dort bleibt, der stirbt. Wenn ein Mensch aber aus der Taufe wieder auftaucht, dann hat er das neue Leben. Taufe und Abendmahl, Bibel und Gottes Wort, das sind die Zeichen für unseren Glauben, und sie sind nicht nur blasse Abbilder – sondern durch Gottes Geist steckt in ihnen die Realität selbst. In seinem Wort, in seinen Sakramenten, im Gottesdienst ist Jesus Christus da. Hier können wir ihn finden, hier ihm begegnen.

Gott in ein paar Tropfen Taufwasser? In einem Stück Brot und Schlückchen Wein? Gott in den Worten der Bibel? Ja, und vor allem: in Jesus Gott am Kreuz? Wirklich attraktiv und für die Mehrheit überzeugend ist das nicht. Die Sensationen dieser Welt passieren woanders. Aber gerade in seiner stillen, geduldigen, nachhaltigen Weise begegnet uns Jesus. Gerade indem er selber in die Tiefe geht, baut er seine Freundschaft mit uns auf. So zeigt er seine Liebe.

So wie damals die Menschen aus Ninive und aus Saba, so gibt es auch heute Menschen, die diese Zeichen erkennen und die Gott in Jesus Christus neu finden. Menschen aus dem Jemen und dem Irak, Menschen aus Pakistan und Syrien, Menschen aus Ländern, in denen die gute Nachricht von Jesus Christus bisher kaum zu haben war. Manche von ihnen werden Christen und nehmen dafür viel Widerstand und Gefahr auf sich. Sie lesen die Bibel, und ihnen reichen diese Zeichen, um ihr Leben ganz auf Jesus Christus zu setzen. Und wir in unserem christlichen Abendland? Fordern wir noch mehr Zeichen und Gottesbeweise? Oder geben wir uns zufrieden mit dem, was da steht?

Amen.

 








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