Evangelische Kirche Bruchköbel - Zu Hause sein (M. Abraham)
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2Sam 7,4-6.11b-14a: Zu Hause sein

Christnacht 2016                                                                                                 Bruchköbel

 

Tagesspruch: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Joh 1,14)

 

Lieder: Herbei, o ihr Gläubigen (EG 45,1-4); Fröhlich soll mein Herze springen (EG 36, 1-5.9); Schönster Herr Jesu (403,1.4.5); Was soll das bedeuten? (539,1-3.5.6); O du fröhliche (EG 44)

 

Schriftlesung Lk 2,1-20

 

Sologesang Diana Mause: „Puer natus“; „Er weidet seine Herde“

 

Liebe Gemeinde,

Weihnachten ist das Fest des Zuhause. Wir möchten bei unseren Familien sein und bei uns selbst. Wir wollen zur Ruhe kommen. „Drivin‘ home for Christmas“, solche und ähnliche Titel waren in den letzten Wochen im Radio zu hören. In Rilkes berühmten Gedicht über den Herbst hieß es noch: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Nun ist der Herbst vorbei und der Winter gekommen. Und wer in diesen kalten, ungemütlichen Zeiten ein Zuhause hat, der ist gut dran. Ja, heute ist er endlich gekommen – der Tag, wo wir miteinander zu Hause sitzen. Heute und die nächsten Tage wollen wir gut essen, wollen einander beschenken, Zeit füreinander haben, uns entspannen. Home, sweet home.

Wir wissen aber auch: Es gab und es gibt Zeiten, wo das Zuhause fehlt. Es gab und es gibt Menschen, die haben kein Zuhause. Manche haben eine schön geschmückte und aufgeräumte Wohnung, und trotzdem fühlt es sich nicht nach Zuhause an. Vielleicht, weil Streit herrscht. Vielleicht, weil es eine Trennung gab oder sogar, weil jemand Liebes und Wichtiges gestorben ist. Nicht mehr da, für immer. Da fühlt sich das Zuhause auf einmal leer an. Und dann gibt es auch noch Menschen, die ihr Zuhause sogar ganz verloren haben, buchstäblich. Kein Stein mehr auf dem anderen. Die ausgestorbenen Betonhöhlen von Aleppo starren uns aus leeren Fenstern an. Endlos reihen sich im Libanon und in der Türkei die Flüchtlingszelte aneinander. Auch bei uns im Ort leben rund 300 Menschen aus aller Welt, die vor kurzem noch nicht hier waren. Krieg, Gewalt und Unsicherheit haben sie entwurzelt. Jetzt suchen sie eine neue Heimat. Weihnachten, das Fest des Zuhause? Das ist für manche Menschen in diesem Jahr nicht so leicht.

Ältere Menschen bei uns in Deutschland kennen diese Erfahrung noch aus ihrer Kindheit. Flucht, Vertreibung, Zerstörung waren auch mitten in Europa ein Thema. Und damit sind wir ganz direkt bei unserem Gottesdienst und bei den Liedern, die wir heute singen. Möglicherweise haben Sie sich eben schon gewundert. „Schönster Herr Jesu“, Nummer 403, das ist im Evangelischen Gesangbuch nicht unter den Weihnachtsliedern einsortiert. Warum haben wir das gesungen, dieses Lied von „Gottes und Marien Sohn“? Warum die Zeile: Wir „müssen sterben, müssen verderben: Jesus bleibt in Ewigkeit“?

Die Töne und Worte dieses Liedes erklangen zum Weihnachtsfest des Jahres 1944 in der schlesischen Stadt Brieg. Nahe bei Breslau gelegen, hatte diese Stadt eine große evangelische Kirche, die Nikolaikirche, mit knapp zweitausend Sitzplätzen. Diese Kirche war der Mittelpunkt des evangelischen Lebens in der Stadt. Sie hatte eine große und schöne Orgel und einen Kantor, der an dieser Orgel spielte. Max Drischner hieß er, hatte Kirchenmusik studiert und war bereits mit einigen Kompositionen bekannt geworden. Im Winter 1944 wusste Max Drischner und wussten oder ahnten die meisten Menschen in Brieg: Unsere Kirche ist dem Untergang geweiht. Denn der Krieg ist verloren. Die Rote Armee rückt immer näher an die Stadt heran. Zwar hieß es vom Oberkommando der Wehrmacht, Brieg solle zur Festung erklärt werden, solle also um jeden Preis gehalten werden. Aber wer klar denken konnte, der wusste, was das bedeutete: ein ähnliches Schicksal nämlich, wie es jetzt Aleppo erlitten hat. Die Stadt würde umkämpft, aber dabei völlig zerstört werden.

In dieser Situation, im Angesicht von Gewalt und und Angst, schuf Max Drischner aus Gesangbuch-Chorälen, aus Lesungen und eigenen Kompositionen ein Werk, das heute unter dem Namen „Brieger Weihnacht“ bekannt ist. Es ist eine einfache und ruhige Komposition, ohne Triumphgesang und Orchestergetöse. Nur Frauenstimmen sind zu hören, außerdem Flöten und leise Orgelregister. „Schönster Herr Jesu“, was wir eben gesungen haben, ist eines der Lieder aus der Brieger Weihnacht. Die Melodie stammt aus Schlesien. Auch das Lied das wir jetzt singen, ist ein schlesisches Volkslied, das in der Brieger Weihnacht erklang. „Was soll das bedeuten, es taget ja schon?“ Es ist ein Lied mit einem schlichten Text, auf manche mag er vielleicht kitschig wirken. Aber er spiegelt die Welt der Handwerker, der Bauern, der Hirten und Waldarbeiter, die mit wenig Geld auskommen und körperlich oft hart arbeiten mussten. Wir singen vom Lied 539 die Strophen 1 bis 3.  

 

Was soll das bedeuten, es taget ja schon

 

Dreimal wurde Max Drischners Komposition an Weihnachten 1944 in Brieg aufgeführt, und dreimal war die große Nikolaikirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund sechstausend Menschen nahmen auf diese Weise Abschied von ihrer Kirche, von ihrer Stadt und ihrem Zuhause. Nur wenige Wochen später geschah dann, was befürchtet worden war: Die russische Armee marschierte ein und zerstörte das große Kirchengebäude. Zehntausende Männer, vor allem aber Frauen und Kinder, mussten fliehen, mitten im strengen Winter. Viele von ihnen überlebten diese Flucht nicht. Wer sie aber überlebte, der brauchte oft lange, um im Westen eine neue Heimat zu finden. Auch bei uns hier in Bruchköbel. Unser Ort wuchs nach dem Krieg durch die Flüchtlinge zum Beispiel aus Schlesien, aus Pommern, aus dem Egerland stark an – aber es dauerte seine Zeit mit dem Heimischwerden. Da wurde manche Weihnachtsfeier mit Gedanken an die alte Heimat begangen und mit der Sehnsucht, wieder zurückzukehren. Es waren oft erst die nächste und die übernächste Generation der Flüchtlingsfamilien, die wirklich hier, am neuen Ort, ihre Heimat sahen.

 

Das Kindlein, das zittert (539,5f)

 

 

Ja, was ist also Heimat? Was heißt Zuhause sein denn für uns, Weihnachten 2016? Auch wer in seinem Leben noch niemals umgezogen ist, der merkt trotzdem: Vieles verändert sich. Heimat droht verloren zu gehen. Stabile politische und gesellschaftliche Verhältnisse, wie wir sie seit Jahrzehnten gekannt haben, geraten ins Rutschen. Vor wenigen Tagen ist Wirklichkeit geworden, was viele schon lange befürchtet haben: Ein Anschlag mitten in Deutschland. Unschuldige Menschen wurden aus heiterem Himmel umgebracht. Wir wissen, dass so etwas täglich in der Welt passiert – aber jetzt eben auch hier, in unserer Nähe. So etwas erschüttert das innere Heimatgefühl. Wir machen uns Sorgen, dass Ähnliches wieder passieren kann. Wir wissen nicht, welche Extremisten demnächst noch gewalttätig werden. Ja, und wir fragen uns vielleicht auch, ob man in solchen Zeiten überhaupt noch Weihnachten feiern kann. Ist das angemessen, am Ende dieses Gottesdienstes „O du fröhliche“ zu singen? Oder wirkt das eher naiv, vielleicht sogar zynisch angesichts des Leids und Unrechts in dieser Welt?

Ich denke, die Antwort hängt auch davon ab, wie wir Heimat verstehen. Was heißt denn für uns zu Hause sein, wie versuchen wir, uns eine Heimat für unser Innenleben zu schaffen? Manche bei uns versuchen es mit Schwarzweiß-Parolen: Möglichst alle abgelehnten Asylbewerber sofort abschieben! Möglichst keinen mehr reinlassen, auch wenn er vielleicht Hilfe braucht! Möglichst viel Polizei und Soldaten, um alles abzusichern! Aber wer ein wenig weiter denkt, der weiß: So leicht lässt sich Heimatgefühl nicht wieder herstellen. Schafft denn Ausgrenzung wirklich Sicherheit? Führt es zum Frieden in unserer Gesellschaft, wenn wir uns immer weiter spalten und voneinander abkapseln, wenn wir uns von Hass und Misstrauen gegeneinander aufstacheln lassen? Oder gibt es vielleicht doch eine andere Weise, das innere Heimatgefühl wiederzugewinnen? Aber wie?

Wie komme ich zu einer echten Heimat? Zu einem Haus, das mir niemand nehmen kann, keine Diebe, kein Krieg und kein Verfall? Vor genau dieser Frage stand auch David, der große König Israels. Jahrelang hatte er Kriege gegen seine Feinde geführt, mehr als einmal hatte das Schicksal des Landes auf der Kippe gestanden. Dann aber trat eine Phase der Ruhe und des Friedens ein. David konnte Jerusalem aufbauen, die Schäden reparieren lassen, das Land blühte auf. So eine Friedenszeit war und ist für den Nahen Osten selten. Aber was macht nun David? Er lehnt sich nicht zurück, um sich zu erholen, sondern verfolgt eine neue Idee. Er plant, in Jerusalem einen Tempel zu bauen. Gott soll eine Heimat bei seinem Volk finden, das ist Davids Gedanke. Denn wenn Gott bei ihnen wohnt, dann werden sie beschützt sein, dann sind sie auf einem guten Weg unterwegs.

David bespricht diesen Plan mit Natan, seinem Hofpropheten. Der Gottesmann ist begeistert. Ein prachtvolles Gebäude für Gott, was könnte dagegen sprechen? Wie kann man seinen Glauben denn ernsthafter beweisen als mit so einer großen Spende? Aber in der Nacht hat Natan dann einen Traum, der alles verändert. Ich lese aus dem 2. Buch Samuel, Kapitel 7, ab Vers 4:

 

4          In der Nacht geschah das Wort des Herrn zu Natan:

5          „Geh und sprich zu meinem Knecht David:

            So spricht der Herr:

            Sollte es [tatsächlich] so sein, dass du mir ein Haus baust, damit ich darin wohne?

6          Noch nie habe ich in einem Haus gewohnt

            von dem Tag an, als ich die Kinder Israels aus Ägypten ausziehen ließ,

            bis zu diesem Tag,

            sondern ich bin in einer Zeltwohnung umhergezogen. 

11b      Aber nun[, David,] verkündet dir der Herr,

            dass der Herr dir ein Haus bauen will.

12        Denn wenn deine Lebenszeit erfüllt ist und du dich zu deinen Vätern legst,

            will ich dir einen Nachkommen erwecken,

            der von deinem Leib abstammt,

            und ihm werde ich sein Königtum bestätigen.

13        Er ist es, der meinem Namen ein Haus bauen wird,

            und ich werde seinen Königsthron für immer bestätigen.

14a      Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein.“

 

Sollte Gott es nötig haben, dass Menschen ihm ein Haus bauen? Große Tempel, prachtvolle Kirchen? Ja, das sind beeindruckende Zeugnisse der Frömmigkeit und der menschlichen Baukunst. Aber nichts davon ist ewig. Der Jerusalemer Tempel wurde vor 1900 Jahren zerstört und nie wieder aufgebaut. Die große Kirche in Brieg mit ihren zweitausend Sitzplätzen, es gibt sie nicht mehr. Wer weiß, was auch in unserem Ort und unserem Land sich noch alles ändern wird, wer weiß, was in unserem eigenen Leben noch umgebaut, abgerissen oder zerstört wird und was dann kommt. Heimat? Zu Hause sein? Gibt es das überhaupt auf Dauer in dieser Welt mit ihrer Unsicherheit und ihrem ständigen Wandel?

Gott sagt zu David damals und zu jedem von uns heute: Du kannst dir selber kein sicheres Zuhause schaffen. Und mir, deinem Gott, kannst du erst recht kein Haus bauen. Du kriegst nichts zu Stande, was wirklich von Dauer ist. Aber: Ich, Gott, will dir ein Haus bauen. Ich will dir eine Heimat geben. Das Wort „Haus“ bedeutet ja zugleich auch Familie. Es war einer von Davids leiblichen Nachkommen, der den Namen Jesus von Nazaret trug. Seine Geburt feiern wir heute. So ärmlich er zur Welt kam, war er doch ein König, der wahre König der Welt. Heute noch, nach zweitausend Jahren, ist sein Name in aller Welt bekannt und wird es für immer sein. Denn er war nicht nur ein Herrscher wie viele andere, der mit mehr oder weniger Geschick sein Land durch schwierige Zeiten steuerte. Er war und er ist der Sohn Gottes.

Jesus starb, Jesus ist auferstanden, und er ist heute noch eine Realität und eine Macht. Wenn wir ihm vertrauen im Leben und im Sterben, dann gewinnen wir eine wirkliche Heimat. Dann wird uns die Lebensangst, die Angst vor dem Versagen, vor dem Verlust und vor dem Leiden, nicht mehr so stark bestimmen. Wenn wir ihn näher kennen lernen, dann finden wir Frieden. Dann finden wir eine Geborgenheit, die uns unabhängig macht vom äußeren Ergehen. Wir werden eine innere Heimat und Festigkeit gewinnen, wir werden uns zu Hause fühlen, egal, wie arm oder reich wir sind. Egal, an welchem Ort der Welt, egal, unter welchen Bedrohungen wir vielleicht auch leben müssen. Aus seiner Hand kann uns niemand reißen, nicht einmal der Tod.

Deshalb werden wir nach dem Segen „O du fröhliche“ singen. Darin heißt es: Welt ging verloren. Ja, das stimmt, Welt ging verloren. Das stimmt heute vielleicht mehr als je zuvor. Aber: Christ ist geboren. Das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, das bleibt gültig. Dass Christus geboren ist, das bewegt bis heute Menschen, sich dem Bösen und dem Elend entgegenzustellen. Die Hoffnung auf Jesus Christus macht den entscheidenden Unterschied in dieser Welt. Und deswegen werden wir auch in diesem Gottesdienst nicht aufhören, von der Freude zu singen. Nehmen Sie diese Freude mit nach Hause, an diesem Weihnachten 2016, nehmen Sie die Freude mit zu den Menschen, mit denen Sie zu tun haben, nehmen Sie sie mit ins neue Jahr. Unsere Welt braucht nichts nötiger als das. Das Kind von Weihnachten, der König der Welt, schenkt Freude, Hoffnung und – ein echtes Zuhause.

Amen.

 








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